Am 23. Oktober 1989 sammelten sich 1000 bis 1500 Altmärker in der Osterburger Nicolaikirche. Sie beteiligten sich an einem Bürgerforum, das mit den Worten "Andacht und Erneuerung" überschrieben war. Diese Gespräche bedeuteten für Osterburg den Anfang der Wende, an die am kommenden Wochenende mit einer Kirchen- und Museumsnacht erinnert wird.

Osterburg l Es sei ein Abend voller Spannung gewesen. Und ein Forum, das jede Menge Fragen aufgeworfen habe. So erinnerte sich Markus Meckel, Mitbegründer der SDP, dem Vorläufer der SPD in den neuen Bundesländern, in einem späteren Gespräch gegenüber der Volksstimme an den 23. Oktober 1989 in der Osterburger Nicolaikirche. Meckel war auf Einladung des damaligen Osterburger Pfarrers Siegfried Kasparick in die Biesestadt gekommen, um an dem Forum teilzunehmen. Es blieb nicht das einzige. In den folgenden Wochen finden zahlreiche Gesprächs- und Diskussionsrunden statt. Am 6. November gibt es die erste Demonstration in Osterburg, zu der das Neue Forum aufruft. Ziel der Demonstranten ist die an der Ernst-Thälmann-Straße gelegene SED-Kreisleitung.

Massenansturm auf Grenzübergang Schrampe

Am 9. November verliest Politbüromitglied Günter Schabowski in Berlin auf einer Pressekonferenz von einem ihm kurz zuvor zugesteckten Zettel, dass der Ministerrat der DDR beschlossen habe, Privatreisen ins westliche Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen zu genehmigen.

Der nahezu unmittelbar danach einsetzende Massenansturm in den Westen, der die Mauer zum Einsturz bringt, wird neun Tage später auch im Osterburger Kreisgebiet erlebbar. Um 6 Uhr öffnet am Sonnabend, 18. November, der eilends neu eingerichtete Grenzübergang zwischen Schrampe und dem niedersächsischen Schmarsau seine Schlagbäume. Bis zum folgenden Sonntag um 16 Uhr passieren 6300 Einwohner des Altkreises Osterburg in 4300 Fahrzeugen die innerdeutsche Grenze. Der Ansturm auf das Pass- und Meldewesen hat da schon längst eingesetzt. In einem Interview erklärt der damalige Leiter dieser Abteilung der Volkspolizei in Osterburg, dass bis zum 13. November 12313 Visa erteilt worden seien.

In den darauffolgenden Tagen rückt das Thema Staatssicherheit immer weiter in den Vordergrund. Auch in Osterburg. So überprüft am 5. Dezember 1989 eine Arbeitsgruppe unter Leitung des damaligen Kreisstaatsanwaltes die Räume der Staatssicherheit in Osterburg auf Vorhandensein ungesetzlicher, sprich Bespitzelungsakten. Von den Osterburgern wird eine andere Nutzung der Dienststelle an der Ernst-Thälmann-Straße gefordert. Die Sonderschule soll dort einziehen, heißt es. Am 7. Dezember tagt erstmalig der Runde Tisch in Osterburg. Die Bildung einer Kommission zur Untersuchung von Korruption und Amtsmissbrauch wird veranlasst, 21 Tage später konstituiert sich eine solche zeitweilige Kommission des Osterburger Kreistages.

Die ersten Monate des Jahres 1990 verlaufen genauso stürmisch, wie 1989 endet. So kämpfen die Osterburger mit Blockaden für eine Umgehungsstraße. Die tonnenschweren Transporter, die durch die Biesestadt zum damaligen KKW-Standort Niedergörne fuhren, drohten die Stadt zu zermalmen. Osterburg erlebt aber auch die ersten Streiks. Im Februar legen Beschäftigte des Dienstleistungsbetriebes für drei Stunden die Arbeit nieder, knapp zwei Wochen später folgen die Heizer der beiden Osterburger Heizkraftwerke und die Beschäftigten des städtischen Bauhofes. Gefordert werden bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn.

Zum Frühlingsbeginn herrscht noch einmal Freudentaumel an der innerdeutschen Grenze. Am 1. April wird der Übergang Bömenzien-Kapern eröffnet. Friedensgebete, "Bäume der Einheit" und tausende Gäste prägen das Geschehen.

Am 6. Mai sind Kommunalwahlen. Sieger im Kreis Osterburg wird die CDU, die sich mit 32,19 Prozent vor der SPD (20,72 Prozent) durchsetzt. Die PDS wird mit 11,49 Prozent drittstärkste Partei. Schlusslicht wird die FDJ mit ganzen 0,2 Prozent der Wählerstimmen. Für das Neue Forum, in den Monaten davor Vorreiter der politischen Entwicklung, wird die Wahl nicht zum erhofften Erfolg. Mit 7,1 Prozent landet sie hinter dem DBD auf Platz fünf der Wahlergebnisliste.

Nationale Front gehört der Vergangenheit an

Mit der Kommunal- und den am 18. März abgehaltenen Volkskammerwahlen ist ein erster Höhepunkt in der Veränderung der Gesellschaft in der DDR erreicht. Der Block der Nationalen Front und die politisch führende Rolle der SED gehört der Vergangenheit an. Nur wenige Monate später trifft das auch auf die DDR selbst zu. Ihr Territorium tritt am 3. Oktober 1990 der Bundesrepublik Deutschland bei.