Seehausen l Persönlich hält er wenig von Titeln und Rängen, trotzdem ist Robert Reck inzwischen einer der wissenschaftlich am höchsten dekorierten Hauptverwaltungsbeamten im Landkreis Stendal. Doktoren gab und gibt es in den Amtsstuben an Uchte, Aland und Elbe durchaus einige, aber so schnell keinen, der seine Erkenntnisse für und über die Wirtschaftswelt derart praktisch auf die real existierende Kommunalpolitik anwenden kann. Denn der Beusteraner ist Diplom-Wirtschaftsingenieur und als Doktor für Wirtschaftswissenschaften mit Gesetzen, Rechnungswesen und Bilanzen sozusagen auf Du und Du. Und mit Zahlen - in letzter Zeit vor allem mit negativen - müssen sich auch Gemeinden immer öfter beschäftigen, als ihnen lieb sein kann.

Mit Rechnungswesen und Bilanzen auf Du und Du

Im Oktober hat der 30-Jährige die Disputation (Prüfungsform für einen akademischen Grad) erfolgreich abgeschlossen. Mit der Verlagsveröffentlichung, die im März 2015 ansteht, ist die Promotion endgültig beendet, für die er den Grundstein an den Hochschulen in Braunschweig, Dresden, Mannheim und im englischen Lancaster legte. Erst als Student, der auch bodenständig Elektro,- Geräte- und Energietechnik auf dem Lehrplan hatte, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter, als Forscher mit EU-Auftrag oder als Dozent an der Universität.

Der wissenschaftliche Ritterschlag der Uni Mannheim ist dem Beusteraner bei aller Begabung allerdings nicht in den Schoß gefallen. Den hat er sich in Fleißarbeit verdienen müssen. Auch noch nach Feierabend in den zwei Jahren nach der gewonnenen Verbandsgemeindebürgermeisterwahl.

Dass ihm inzwischen eine Last von den Schultern gefallen ist, daraus macht Reck kein Geheimnis, lässt aber auch durchblicken, dass dieser akademische Grad von Anfang an einen festen Platz auf seiner persönlichen Agenda hatte. Auf die Anrede mit "Doktor" legt er künftig offenbar keinen großen Wert. Der Verbandsgemeindebürgermeister plant für den akademischen Grad auch nicht, eigene Briefbögen zu entwerfen oder neue Visitenkarten zu drucken. Selbst auf dem Schild an seiner Bürotür soll der Doktor unerwähnt bleiben. "Für mich stand nie der Titel, sondern immer der Erkenntnisgewinn im Vordergrund", gibt der Mann zu Protokoll, der ohne Zweifel in der Privatwirtschaft oder an einer Uni Karriere machen könnte, aber der eben auch großen Gefallen an der Kommunalpolitik gefunden hat.

Wo ist die nächste Herausforderung?

Das Thema, dem sich Reck auf gut 300 Seiten widmet, lautet: "Spachkulturelle Determination von Textinformationen in internationalen Geschäftsberichten". Der Buchtitel wird mit "Sprache und Kultur in Geschäftsberichten" indes etwas kürzer ausfallen. Für seine Doktor-Arbeit hat er mit Hilfe von jeder Menge Rechnerleistung und diverser Software (zum Teil selbst kreiert) rund 130000 englischsprachige Geschäftsberichte aus aller Herren Länder analysiert, um sprachliche Unterschiede, die letztlich Einfluss auf Informationsgehalt, die Wirkung des Textes auf den Leser und Entscheidungsprozesse haben können, herauszufinden - frei nach dem Motto "Wenn zwei das Gleiche sagen, meinen sie noch lange nicht Dasselbe". Salopp gesagt, können Recks Forschungen künftig dabei helfen, in Bilanzen die Spreu vom Weizen zu trennen, die wirklich wichtigen Aussagen herauszufiltern, verklausulierte Umschreibungen zu entlarven oder, kurz gesagt, zwischen den Zeilen zu lesen. Das Wissen um die Macht von Worten abseits der Zahlen dürfte vor allem für die internationale Finanz- und Wirtschaftswelt interessant sein, hilft aber auch im normalen Leben weiter.

Und was fängt der Beusteraner mit der wiedergewonnenen Freizeit an, außer zu joggen und zu lesen? Er hält nach der nächsten Herausforderung Ausschau. Als frisch gebackenes Kreistagsmitglied, das seit kurzem im Verwaltungsrat der Kreissparkasse Stendal und mit dessen Votum im Kreditausschuss sitzt, könnte er die zum Teil gefunden haben.