Storbeck l Alles hat endlich seinen eigenen Platz. Die Stoffe wie die Reißverschlüsse, die Schmuckscharniere wie die Knöpfe und Garne. Auch die Nähmaschinen, fünf an der Zahl. Als der jüngste Sohn vor einem Jahr das Haus verlässt, wird bei Birgit Käfert der Wunsch nach einem Nähzimmer immer stärker. Unterstützt von ihrem Mann lässt sie ihn wahr werden und hat nun ihr eigenes Kreativreich. "Hier kann ich alles um mich herum vergessen", sagt die Storbeckerin. Wenn sie näht, näht sie. Und wenn sie fertig ist, verlässt sie einfach den Raum und macht die Tür hinter sich zu. Woher aber diese Perfektion? "Ich bin so."

Die Kreativität muss raus

Als Kind in Neukirchen macht Birgit Käfert ihre ersten Nähversuche. Sie erinnert sich an einen Stoff von einer Tante aus dem Westen. "Er war rosa und hatte schwarze Blümchen drauf." Aus den Resten näht sich Birgit Käfert einen "Bahnenrock". Mit Nadel und Faden. "Die Nähmaschine war ein Heiligtum meiner Mutter, da durfte ich erst nicht ran." Irgendwann steht die Maschine aber doch in ihrem Kinderzimmer und Birgit Käfert experimentiert. Die ganze Schulzeit geht das so, die Kreativität sprudelt aus ihr heraus. Als sie selbst Kinder hat, näht Birgit Käfert für sie. Aus Unterhosen und T-Shirts werden Jogginganzüge für ihre Jungs. Sie hat bald eine eigene Nähmaschine - ein Weihnachtsgeschenk von ihrem Mann. "Er hatte in Berlin einen Tipp bekommen, die Maschine hat mehr als 800 Mark gekostet, mehr als man verdient hat."

Eine gute Investition, Birgit Käfert traut sich schon damals an jede Herausforderung heran. Sie näht Blousonjacken im Akkord und verkauft sie. "So hab ich nebenbei immer etwas verdient." Das ändert sich mit der Wende. Da fragt keiner mehr nach selbst gemachten Klamotten. "Otto und Quelle hatten einfach die cooleren Sachen." Der Drang zur Handarbeit pausiert.

Strickalarm bei der Kur

Erst 2009, als Birgit Käfert zur Kur ist, wird ihre kreative Ader wieder angepiekst. "Dort herrschte ein regelrechter Strickalarm." Und die Storbeckerin lässt sich mitreißen. Sie, die seit 1981 in der Seehäuser Stadtverwaltung arbeitet, häkelt im Krankenhaus etwa 50 Tiere. Die ersten empfindet sie anderen nach, die nächsten denkt sie sich selber aus. "Das war Mundpropaganda, die Leute kamen zu mir." Sie häkelt, bis sie Hornhaut an den Fingern hat und merkt, dass sie etwas Neues braucht. "Das ist so bei mir." Wieder Zuhause lässt ein Jeansrock, der ihr nicht mehr passt, bei ihr bald den entscheidenden Gedanken wachsen: "Aus dem machst du eine Tasche." Daraus sind mittlerweile zig Taschen in den verschiedensten Designs geworden. Große, kleine, robuste, glamouröse - es gibt nichts, was Birgit Käfert zu schwer ist. Irgendwie lasse sich alles umsetzen. Jede Tasche ist individuell. Sogar kleine Portmonees aus Milchtüten entstehen in ihren Händen. Manchmal schaut sich Birgit Käfert eine Anleitung im Internet an, aber meistens genügt ihr nicht, was sie dort sieht. "Es muss alles perfekt umsäumt sein, anders kann ich es nicht."

Wenn sie mal nicht weiter weiß in ihrem Nähzimmer, macht Birgit Käfert erstmal etwas anderes und denkt nebenbei über das Problem nach. "Mein Mann merkt das dann immer, weil ich zum Beispiel beim Fernsehen so unruhig bin." Er sei es im Übrigen auch, der die ganzen Bedienungsanleitungen für die Overlock-Nähmaschinen liest. "Das ist überhaupt nicht mein Ding." Sie waren auch schon gemeinsam auf Stoffmärkten, wo sich Birgit Käfert mittlerweile eindeckt. Sie fährt nach Rostock, Potsdam oder Magdeburg. Das sind Ausflüge für die Seele.

Hobby ist ein Ausgleich

"Dieses Hobby ist ein Ausgleich für mich." Birgit Käfert verkauft ihre Taschen auf hiesigen Märkten, verdient aber nicht viel damit. "Es ist eher so eine Liebhaberei." Viele Leute können sich nicht vorstellen, wie viel Arbeit beispielsweise in einer Tasche steckt. Vielleicht versucht Birgit Käfert es noch mal auf Märkten in größeren Städten. Vielleicht aber auch nicht. Denn am Ende kommt es ihr auf das an, was im eigenen Nähzimmer in Storbeck passiert: das kreative Versinken in einer Sache.

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