Vom Balkon des Osterburger Rathauses aus erklang diesmal am Heiligen Abend das "Alle Jahre wieder" zwischen den beiden Christvespern in St. Nicolai. Die Nicolaibläser spielten vor einer begeisterten Menschentraube.

Osterburg l Hinauf auf den Turm ging es diesmal aus Sicherheitsgründen nicht. Das hatte viele Vorteile. "Wie oft haben wir hinterher die Noten zusammengesucht, weil auf dem Turm der Wind so stark war", bemerkte Ralf Zimmermann, der wie Winfried Menner schon bei dem halbstündigen Spiel von weihnachtlichen Weisen mitgemacht hatte. "Das ist eine besonders schöne Atmosphäre hier, viel persönlicher", schwärmte dieser.

Zuhörer freuen sich: "Wir sind viel näher dran"

"Man hört die Musik hier unten viel besser", nannte Hidda Knorr einen weiteren Pluspunkt. "Wir sind näher dran und können die Musiker auch sehen. Toll, dass sie sich immer wieder die Zeit nehmen", merkte Jutta Völzke an. Sie hatte ihren Geschwistern eine Überraschung versprochen und sie zu dem außergewöhnlichen Konzert geführt.

Auch die Christvesper in der Kirche begleiteten die zehn Bläser unter der Leitung von Kantor Friedemann Lessing. Pfarrerin Claudia Kuhn las zum Spiel der Konfirmanden von Josef und Maria, die genauso arme Leute waren wie die Hirten, die in der Nacht vom hellen Schein geweckt wurden. "Der Heiland ist für uns geboren, das wäre doch wundervoll", sagen die Hirten, die Unangesehenen, oft als "Dreckskerle" beschriebenen.

Schließlich las die Pfarrerin eine neue Weihnachtsgeschichte: "Es begab sich zu der Zeit der vielen Bildschirme und SMS, zur Zeit der leeren Worte, der vollen Straßen, der vergifteten Meere, als Worte der Zeit `Schwarze Null` und `Lichtgrenze` waren." Da sollten die Worte geschätzt werden. Und der Glaube ging mit seiner Schwester Hoffnung, die ihr erstes Kind unter dem Herzen trug. Verschlossene Türen überall. "Und sie hatten keinen Raum in der Herberge", zitierte Kuhn ihr Wort des Jahres. Die Hoffnung gebar die Liebe. Als Ausgegrenzte, ja, Flüchtlinge, hatten sie keinen Raum in einer Herberge. "Was bedeutet die Weihnachtsbotschaft in diesem Jahr für mich? Welches Wort wollen wir auspacken wie ein Geschenk?", fragte Claudia Kuhn die Gemeinde. Was hält gefangen und lähmt? Drei Mal wurden Josef und Maria abgewiesen und kamen unter im letzten Loch. "Auch in unserem Land mussten vor 60 Jahren die Menschen fliehen und wurden aufgenommen", schlug die Pfarrerin die Brücke zu heute, dann zu den Flüchtlingen, die von Afrika nach Europa kommen, fremd sind, keinen Ort haben.

Ursachen der Angst sollten bekämpft werden, damit kein Platz für Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz entsteht, sondern Raum für Vielfalt, gab Claudia Kuhn ihren Zuhörern mit auf den Weg. Was kann ich tun? Den Menschen eine Herberge geben, das heißt, Liebe weitergeben, so sprach sie und fügte schließlich hinzu: "Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute die Liebe geboren."

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