Osterburg l Mit einer Fülle von alten Ansichtskarten unter dem Motto "Grüße aus der Ferne" wartete der Stendaler Wolfgang List vor wenigen Tagen in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität auf. Die Motive seiner Sammlung reichten vom A wie Adel über L wie letzte Lebenszeichen bis Z wie Zeppelin. Zuweilen bis ins Detail gehend, zum Beispiel bei postgeschichtlichen Besonderheiten, und Hintergründe streifend erläuterte der 72-Jährige die einzelnen Karten.

So zeigte List an Hand der Stempel einer Karte aus dem Jahr 1903, dass sie am Vormittag gegen 10 Uhr in Berlin aufgegeben, am Nachmittag des gleichen Tages um 15 Uhr in Stendal-Röxe ausgeliefert worden war. Möglich sei das gewesen, weil sich in jedem Zug ein Postwagen mit einem Postbeamten befunden hatte.

Vielen Leuten dürfte Wolfgang List als Eisenbahnhistoriker bekannt sein, der mehrere Bücher im Zusammenhang mit der Eisenbahngeschichte vor allem der Altmark veröffentlicht hat.

"Die Sammlung von alten Ansichtskarten begann 2006 mit dem Verfassen meines ersten Buches, weil mir viel daran gelegen war, es mit möglichst zeitgenössischem Bildmateriel zu illustrieren", sagte er der Volksstimme. "Als ich dann von meinen Vorfahren drei Alben mit alten Ansichtskarten erbte, war mein Interesse auch für andere Motive geweckt, zumal sich mir dadurch auch die ganze Bandbreite der Entwicklung von Industrie, Gesellschaft, Kultur, Militärwesen, Verkehrswesen und so weiter im Deutschen Kaiserreich erschloss."

Sehenswürdigkeiten, Denkmäler, Landschaften, Städte, Kurorte, Industriebauten, Eisenbahnen, Jubiläen, Märchen, Romantische Liebesbotschaften und anderer Kitsch, Kuriositäten, natürlich die Kaiserfamilie, die Kriegsmarine und Grüße von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges, kurz alles was sich abbilden ließ, erschien als Gruß aus der Ferne. Besonders makaber: eine Ansicht des 70-stündigen Trommelfeuers französischer Geschütze zur Vorbereitung einer Offensive. Ansichtskarten gebe es in Deutschland seit etwa 1865, sagte List seinen Zuhörern. Eine Seite der Karte sei zunächst grundsätzlich postalischer Verwendung vorbehalten gewesen wie Adresse, Absender, Stempelung und anderer Vermerke. Auf der Bildseite konnte der Absender seine Korrespondenz unterbringen; er nutzte dafür den freien weißen Himmel. Später wurde dann auf der postalischen Seite ein Drittel für persönliche Mitteilungen freigegeben. Ab 1885 wurden vom jeweiligen Verlag Ansichtskarten in größerer Stückzahl mit richtigen Fotos herausgebracht.

"Die Karten sind ein Kulturgut erster Ordnung"

Auch altmärkische Dörfer wie Hassel und Gagel gaben Ansichtkarten, zum Teil mit mehreren Bildern, heraus. Eine Karte von 1899 zeigte den ersten Eisenbahnhalt der Kleinbahn in Arneburg. Ein anderes Motiv war dem ersten Reisezug am 7. Dezember 1908 der Strecke Stendal - Arendsee in Arendsee gewidmet.

"Alte Ansichtskarten, sofern Sie welche haben, schmeißen Sie um Gotteswillen nicht weg oder verscherbeln sie", legte List seinem Publikum an Herz. "Sie sind Kulturgut erster Ordnung."

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