Osterburg l Anlass für das erste Stück war das zehnjährige Bestehen der WohnstättenI an der Ernst-Thälmann-Straße. Seit 15 Jahren gibt es außerdem die WohnstättenII im Heinrich-Heine-Weg. Die Werkstätten der Lebenshilfe feiern 2015 sogar schon 25-jähriges Jubiläum. Grund genug für einen Tag der offenen Tür und eine Reihe von Veranstaltungen.

Doch zurück zum Anfang. Ilona Schonscheck stammt aus Salzwedel und fing 1998 als gelernte Erzieherin in der Lebenshilfe Osterburg an zu arbeiten. 2008 machte sie berufsbegleitend eine Ausbildung zur Heilpädagogin in Magdeburg.

"Ich wollte schon immer ein Stück mit den Menschen hier machen", erzählt sie strahlend. Mit Theater hatte sie eigentlich vorher nicht viel am Hut. Im Ferienlager aber schon. Dort wirkte die Heilpädagogin in dem Stück "Die Bank" mit. Das war so prägend, dass sie "Die Bank" zu ihrem ersten Stück in der Wohnstätte wählte. "Dann habe ich sechs Bewohner ausgesucht, die ich fragen könnte und mich gefreut, als sie zusagten", schildert Schonscheck.

In der Geschichte vergrault ein Penner Leute, die auf der Bank sitzen. Drei Mitspieler sprangen gleich nach der Aufführung wieder ab, es war ihnen zu stressig, zu aufregend gewesen. Jeannette Isler und Norman Preuß hatten jedoch Gefallen am Spiel gefunden, und so versuchte die Theaterleiterin, einen neuen Stamm aufzubauen. In Sebastian Rosengart, Monika Sube und Karina Preuß fand sie theaterbegeisterte Menschen. Diese Fünf wurden die Theatergruppe der Wohnstätte für Behinderte.

2007 nahm die Gruppe mit ihrem Stück "Es ist normal, behindert zu sein" erstmals am Kunst- und Kulturwettbewerb Stendal teil. "Es war nicht leicht für sie, Behinderte zu spielen. Norman zum Beispiel war ein Rollstuhlfahrer, braucht aber sonst keinen", so Schonscheck. Da war viel Fingerspitzengefühl gefragt. Mut zuzureden, stand auf der Tagesordnung. "Sie haben gelernt, dass es nur eine Rolle ist."

Am liebsten macht die Gruppe was Lustiges

Am liebsten macht die Gruppe etwas Lustiges. "Dinner for one" lieben sie und führen den Sketch zu Silvester gern in den Wohnstätten auf. Als die Theatergruppe zum zweiten Mal an dem Wettbewerb in Stendal teilnahm, hatte sie den Inhalt selbst erarbeitet. Ein Jahr lang, dann erst konnten die Proben für "So sind wir, und das ist gut so" beginnen. Noch mal fast sechs Monate proben einmal in der Woche. " Dann belegten sie den 4. Platz.

Seit 2011 hat Ilona Schonscheck in Irene Nitsche Unterstützung. Durch ihre Zeit in der Lebenshilfe im berufsbegleitenden sozialen Jahr (BSJ) kannte sie die angehende Kollegin schon, die in der Einrichtung nun eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin aufnahm. Für ihr Männerballett bat sie die ehemalige Balletttänzerin kurz entschlossen um Rat, studierte mit ihrer Hilfe Ballettschritte für die Karnevalsnummer ein. Inzwischen macht Irene Nitsche eine Ausbildung zur Heilpädagogin und ist Schonschecks Assistentin.

Vor den Proben erarbeitet sie mit ihr zusammen eine Textfassung. "Wir brechen das runter und lesen zum Einstieg erst mal vor, was wir haben. Einige Mitspieler können ja nicht lesen", beschreibt die Theaterleiterin. Bei der Frage, wer welche Rolle möchte, werden sich die Bewohner schnell einig. Allerdings sei es auch nicht einfach, für so viele Leute ein Stück zu finden. Viele signalisieren zwischendurch schon mal ihr Interesse. Wiederum fragte Schonscheck auch in der Werkstatt nach, um Mitspieler zu gewinnen.

Für den Adventsmarkt hatten die beiden Frauen "Die Weihnachtsgans Auguste" ausgesucht und umgeschrieben. Das Buch "Ich lieb` du", in dem es um Beziehungsprobleme geht, hat sie ebenfalls zu einem eigenen Stück gemacht. "Wir versuchen, den Leuten das Stück auf den Leib zu schreiben, haben erst mal einen Entwurf. Der bleibt nie so", erzählt die Heilpädagogin. Oft werden Sätze oder einzelne Wörter umformuliert, wenn sich die Heimbewohner nicht wohl damit fühlen. Bei der Theaterarbeit helfen Übungen, wie die Stufen der Wut darzustellen. Dann müssen sie die Stufe später nur wiederfinden, können sich distanzieren.

Improvisationen liegen Sebastian Rosengart und Norman Preuß besonders. Beide wirkten bei der "Weihnachtsgans Auguste" mit. Gemeinsam mit Jeannette Isler, Monika Sube und Karina Preuß fahren sie einmal im Jahr zur Theater-Weiterbildung nach Magdeburg. Jetzt ist Pause.

Ilona Schonscheck möchte mit der nächsten Inszenierung eine Reise durch zehn Jahre Theater in den Wohnstätten machen. "Ich bin unheimlich stolz auf meine Gruppe. Alle haben sich toll entwickelt und sind selbstsicherer geworden. Sie inspirieren mich", betont die Heilpädagogin. Oft hatten die Mitspieler Sorge, nicht gut genug zu sein. Manche konnten mit Lachen nicht umgehen. Das ist Geschichte. Im Kreis sagen nach der Begrüßung alle: "Wir sind gut, wir schaffen das." Dann geht es los.

Laienschauspieler zu Besuch im Ohnsorgtheater

Großes Ziel ist seitens der Theatergruppe des Markgraf-Albrecht-Gymnasiums, einmal zusammen ein Projekt zu machen. Damit will sie sich noch Zeit lassen. "Ich wünsche mir noch mehr Förderung von außen", gibt die Theaterleiterin zu. Einmal hatte die Gruppe eine Prämie bekommen und wollte davon gern ins Theater. Vom Besuch des Ohnsorgtheaters in Hamburg schwärmen die Bewohner der Wohnstätte noch heute. Das übertriebene Spiel und Gelächter machte Mut. Sponsoring für Deko und Kulisse wären auch gut. Doch Ilona Schonscheck ergänzt: "Das Wichtigste ist aber, es muss uns Spaß machen."

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