Die Initiative "seehausen links" widmet sich regelmäßig auf breiter Themen-Front politischen und gesellschaftlichen Problemen der Region. Am Mittwochabend fragten die Organisatoren provozierend: "Wer hat Angst vorm bösen Wolf?"

Seehausen l Dass die knapp 70 Gäste aus Seehausen und den umliegenden Orten, die der Einladung in die DRK-Begegnungsstätte gefolgt waren, die pure Angst hergetrieben hatte, ist unwahrscheinlich. Aber es gibt offenbar auch reichlich Leute, die Probleme mit der Ansiedlung von Meister Isegrim haben und mit ihrer Meinung ebenso wenig hinter dem Berg halten wie Wolfsbefürworter.

Sachlicher Referent wirbt um Akzeptanz

Da war es gut, einen Ruhepol wie Andreas Berbig zwischen den Fronten zu haben. Der Mitarbeiter der Biosphärenreservatsverwaltung "Mittelelbe" in Arneburg, die auch die Aufgaben einer Referenzstelle für Wolfsschutz von Sichtungsmeldungen über die Beratung gefährdeter Viehzuchtbetriebe bis zur Untersuchung vermeintlicher Wolfsrisse wahrnimmt, ermöglichte unaufgeregt einen Einblick in die Entwicklung der Wolfspopulation Deutschlands und in das Verhalten des gejagten Jägers. Demnach gilt Sachsen-Anhalt inzwischen nicht mehr als Wolfserwartungsland, sondern bei fünf Rudeln und vielen Sichtungen seit 2013 schon als Besiedlungsgebiet.

Die grauen Gesellen, betonte Berbig, hätten ihren Weg über Polen rund 200 Jahre nach ihrer Fast-Ausrottung von allein zurück nach Deutschland gefunden und wären nicht ausgesetzt worden. Erste Ansätze habe es zu DDR-Zeiten gegeben, nur sei Isegrim damals als jagdbares Wild nicht weit gekommen. Fachleute gehen von rund 30 Abschüssen im Arbeiter- und Bauernstaat aus.

Bestandsunterstützende Maßnahmen gebe es für die Wölfe nicht, gleich wohl sind sie aber strengstens geschützt, was insbesondere einigen Waidmännern und -frauen ein Dorn im Auge ist. So forderte nicht nur der Vorsitzende der Osterburger Jägerschaft, Dieter Smyrek, den Wolf wegen umfangreicher, bürokratischer Hürden schon früh auf die Liste der jagdbaren Tiere zu setzen. Deshalb könne man ihn trotzdem das ganze Jahr unter Schutz stellen, aber im Bedarfsfall eben schneller reagieren.

Bedarfsfall könnte laut Smyrek ein Problemtier, die Bastardisierung mit Hunden oder eine starke Vermehrung der Raubtiere sein. Schon jetzt würden zum Beispiel Wildschweine zu ihrem Schutz große Rotten bilden, die wiederum ein erhebliches Gefährdungspotenzial für die Landwirtschaft darstellen.

Was die Reproduktion der Rudel betrifft, glaubt Berbig nicht an einen sprunghaften Bestandsanstieg. Dazu sei das Leben eines Wolfes zu hart und die Sterblichkeit der Jungen zu hoch. Zur Ehrlichkeit beim Umgang mit aktuellen Wolfszahlen befragt, versicherte er, keine Fakten zu kennen, die er verheimlichen könnte. Außerdem sei es angesichts der Wanderfreudigkeit der Wölfe schwer, verlässliche Hochrechnungen anzustellen.

Spaziergänger sorgen sich um Leib und Leben

Verlässig ist laut Berbig dagegen, dass es bisher noch zu keinen gefährlichen Begegnungen zwischen Wölfen und Menschen gekommen sei. Bei den jüngsten Zwischenfällen im benachbarten Niedersachsen, wo sich Wölfe verunsicherten Spaziergängern näherten, ja sogar in Siedlungen eindrangen und über die mal mehr oder weniger seriös aber in jedem Fall ausgiebig in den Medien berichtet wurde, gab sich Berbig unwissend. Und auch Marianne Emme, die gern mit ihrem Hund die Krüdener Umgebung erkundet, bekam keine befriedigende Antwort, als sie sich Sorgen um ihr eigenes und das Wohl ihres Vierbeiners machte.

Eine Sorge, mit der die Krüdenerin nicht allein dasteht und die von Wolfsbefürwortern gern mit Hinweisen auf die vielen anderen Gefahrenpotenziale abgewiegelt wird. So wies auch der Wolfs-Experte darauf hin, dass eine Begegnung mit einer führenden Bache ebenfalls sehr gefährlich sein könne und dass das Autofahren trotz aller Risiken nicht verboten ist.

Was indes ein Fakt ist, sind Wolfsangriffe, die in erster Linie Schafen gelten. Es gibt aber auch Attacken gegen Wild in Gehegen, auf Ziegen, Kälber und andere Haustiere - ganz vereinzelt auch auf Hunde, in denen die Grauröcke scheinbar Konkurrenten sehen.

Mit den Schäfern trifft es einen Berufszweig, der es im landwirtschaftlichen Überlebenskampf ohnehin mit am schwersten hat. Und das, obwohl dem "goldenen Biss und Tritt" der Wollträger in der Pflege der Kulturlandschaft, die Altmärker der Neuzeit nur ohne Wölfe kennen, viel mehr Bedeutung beigemessen werden müsste. Die Referenzstellen erklären den Betroffenen gern, wie sie ihre Herden schützen können. Allerdings werden sich die wenigsten Gewerblichen Tierhalter Spezialzäune, Herdenschutzhunde und ähnliches trotz Förderung leisten können.

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