Hätte, hätte - der Konjunktiv ist nicht Claudia Preuschoffs Fall. Was der Seehäuserin (49) missfällt, spricht sie an, auch wenn Gegenwind droht. Vor allem aber ist Claudia Preuschoff die Vereinsvorsitzende der Sportgemeinschaft Seehausen. Eine Chefin mit Herz.

Seehausen l Sie wollte es nicht, hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Andere könnten das besser, außerdem hat sie mit der Handballsparte genug zu tun. Jetzt soll Claudia Preuschoff auch noch Vereinsvorsitzende der Sportgemeinschaft Seehausen werden. Ihr ist im Jahr 2007 sehr wohl klar, dass nach dem Tod der beliebten Vorsitzenden Christina Söhnel eine Lösung her muss, aber warum ausgerechnet sie?

"Das war der freie Fall"

"Die haben mich in die Ecke gedrängt, genötigt haben sie mich." Wenn Claudi das nicht macht, wird der Verein aufgelöst, so ist die Rede. Aber die SG Seehausen dicht machen? Niemals! Claudia Preuschoff lässt sich schließlich breit schlagen. Denn wenn andere sagen, es geht nicht mehr, wird sie in ihrem Ehrgeiz gepackt. "Wir können doch nicht alle die Läden schließen" - im wahrsten und im übertragenen Sinne.

Im ersten Jahr will sie alles hinschmeißen. "Das war der freie Fall, diese Bürokratie, einfach nur furchtbar." Lizenzen, Fördergelder, Hallenbelegung, Claudia Preuschoff telefoniert sich in den ersten Monaten die Finger wund. "Das Schlimmste war, dass ich die Zuständigkeiten überhaupt nicht kannte." Kreissportbund, Landessportbund oder Landratsamt? "Ich wär´ bald wahnsinnig geworden." Aber Claudia Preuschoff beißt sich durch. Vielleicht hat sie es im Handball gelernt, sie spielt seit dem sechsten Lebensjahr. Wahrscheinlich aber ist ihr der Biss einfach in die Wiege gelegt. "Ich bin ein positiver Mensch."

Das haben sie damals schon im Seehäuser Sitz der Handelsorganisation Osterburg (HO) erkannt. Dort geht Claudia Preuschoff nach ihrer Ausbildung zur Weberin in Sachsen in die Lehre. Sie wird Bürokauffrau für den Handel, lernt in der Abteilung Industriewaren. "Wir waren zuständig für alles, was man nicht essen kann." Claudia Preuschoff liebt diese Arbeit, und ihr Weg scheint vorbestimmt: Abitur in Magdeburg nachmachen, Handelsökonomie studieren und dann der Job als Leiterin für Industriewaren in Seehausen. "Die wär´ ich heute, ganz sicher."

Die Wende kreuzt diesen Werdegang. Versicherung? Sparkasse? Claudia Preuschoff entscheidet sich für die Arbeit in einem Seehäuser Schuhgeschäft. "Aus jetziger Sicht der falsche Weg, der Handel ist ja nicht mehr, was er mal war." Aber auch hier weiß sich die taffe Frau zu helfen. Als nämlich der Familienbetrieb schließt, geht sie selbst auf die Suche nach einem Nachfolger.

Dieser Laden besteht nun auch schon wieder seit zehn Jahren und nicht nur Claudia Preuschoff hat ihre Arbeit darin. Vor dem Geschäft hängen Blumenkästen - auch dazu weiß die Seehäuserin eine Geschichte. So war sie einst mit ihrer Tochter zur Klassenfahrt in Wolmirstedt. "Da war in der Innenstadt alles voller Blumen und ich hab mich gefragt, warum das bei uns nicht so ist." Oder nicht so war, denn nun hängen nicht nur vor "ihrem" Schuhladen Kästen, auch andere Geschäfte machen mit. "Ich hatte dazu aufgerufen."

Leute brauchen Lob

Jeder noch so kleine Missstand springt Claudia Preuschoff an und wenn es besser geht, muss es auch besser gemacht werden. Wenn Jugendliche eine Zigarette im Mund haben, geht die Seehäuserin auf sie zu und wird in ihrer Art zu sprechen gern unmissverständlich. Sie scheut sich auch nicht, die Polizei oder die Schule anzurufen, wenn sie Schulverweigerern begegnet. Und sie kämpft für Sauberkeit in ihrer Stadt. Als am Friedhof immer wieder Müll herumliegt, den sie mehrmals aufsammelt, macht sie ausfindig, dass der Sünder in einer Einrichtung wohnt. Dort fährt sie hin, steht bei ihm im Zimmer und hält eine Ansprache. "Wenn das noch einmal passiert..." Er sei ein freier Mensch. Sie aber auch und wenn das noch einmal passiert, kippt sie das Zeug in seinem Zimmer aus. "Ich musste an der Stelle nie wieder Müll aufsammeln." Eigentlich, so ist sich Claudia Preuschoff sicher, wollen die Leute ja alle gebraucht werden. "Du musst halt viel quatschen, viel sabbeln, die Leute brauchen auch mal ein Lob, aber wenn du sagst, wofür du ihre Hilfe brauchst, kriegst du sie in der Regel auch."

Claudia Preuschoff ist Mitglied bei den Seehäuser Kunst- und Trödelweibern, organisiert dort Veranstaltungen mit und spielt Theater. Über die Gemeinschaft der Seehäuser Händler beteiligt sie sich außerdem am Bratapfelmarkt oder dem Kürbismarkt. Natürlich, manchmal könnte es etwas weniger sein. Aber was muss, das muss.

Am meisten Zeit nimmt ihr Ehrenamt als SG-Vorsitzende in Anspruch. Längst hat die begriffen, dass dieses Ehrenamt in Wahrheit gar kein Ehrenamt ist. "Ich glaub´, manch´ einer arbeitet in seinem Job nicht soviel, wie wir hier nebenbei." Denn sobald ein Sport ins Wettkampfgeschehen übergeht, sobald es Punktespiele gibt wie im Handball, beginne der große Aufwand. "Eine Wahnsinnsbürokratie, für die es früher hauptamtliche Mitarbeiter gab."

Und dann müsse man sich obendrein auch noch ärgern wie in der vergangenen Saison. Da haben die Seehäuser Handballdamen in der Mitteldeutschen Oberliga gespielt. "Das muss man sich mal überlegen, was für ein Erfolg, über der Landesliga." Aber diese Herausforderung war einfach nicht zu stemmen. "Am Ende heißt es doch nur, friss oder stirb. Entweder du hast die Kohle, um da mitzuspielen oder nicht." Da zähle kein sportlicher Erfolg. "Erst predigen alle, die Jugend soll Disziplin, Teamgeist, Werte erlernen und dann sagen sie dir, Pech gehabt, ohne Geld kommst du nicht weiter." Und es gehe ja immer gleich um Tausende.

Ehrenamt hat auch Vorteile

Das Sich-Aufregen kann anstrengend sein. Zum Glück gibt es diese Momente, die alles wieder wett machen. Gerade hatten die Handballer vom HSV ein Gastspiel in Seehausen. Sie spielen in der ersten Bundesliga. Die Handball-Nationalmannschaft aus Israel hat schon in der Wischelandhalle gespielt und die Männer vom SC Magdeburg. Wenn dann die Halle tobt, sei alles Nervige vergessen. Die SG Seehausen hat nicht umsonst 500 Mitglieder. Sie sei vielen ein Zuhause. Und mancher habe über dieses Ehrenamt wieder besser ins Leben gefunden. "Ich bin eh der Meinung, arbeitslos werden, das ist kein Problem, aber arbeitslos sein und nur auf der Couch sitzen, ist ein Problem."

Politik? "Ich bin dafür viel zu emotional." Da müsse man erst denken und dann reden. Das kriege sie nicht immer hin. Der Politik die Meinung sagen, könne sie ja aber trotzdem. Zum Beispiel über die Polizeireform und das ausgedünnte Personal in Sachsen-Anhalt. Die Schuhverkäuferin und SG-Vorsitzende hat deswegen zwei Beschwerdebriefe abgeschickt - einen an den Polizeipräsidenten und einen an den Ministerpräsidenten.

   

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