Was haben das Wetter und die Weltwirtschaft gemeinsam? Beide spielen immer öfter verrückt. Das bekommen auch die Bauern zu spüren, wie kürzlich die Jahreshauptversammlung der Erzeugergemeinschaft "Qualitätsgetreide Altmark" in Osterburg zeigte.

Krüden/Osterburg. "In vielen Belangen ein verrücktes Jahr", bilanzierte der Geschäftsführer der Erzeugergemeinschaft (EZG) "Qualitätsgetreide Altmark", August Becker, über das vergangene Jahr. Womit der Krüdener Landwirt die Ertrags- und Qualitätseinbußen durch die großen Schneemassen, das späte Frühjahr mit seiner extremen Nässe, die glühende Hitze im Sommer und den Dauerregen zur Erntezeit ebenso meinte wie die Fehleinschätzung der Weltmärkte samt der Preisgestaltung bei Getreide und Raps Anfang des Jahres, die sich für die Landwirte anders als von den Experten vorhergesagt allerdings erfreulich positiv entwickelte.

Der positive Trend bei den Einnahmen (die Preise lagen laut Becker nur wenig unter denen des Rekordjahres 2007) machte bei der Mehrheit der Mitglieder eine eher durchschnittliche Ernte mehr als wett. Der Ertrag beim Sommergetreide lag mit 40,6 Dezitonnen ebenso unter dem Vorjahresniveau wie beim Winterroggen (49,7), Winterweizen (62,8) oder beim Raps (36,0). Bei Triticale stand mit 54,5 Dezitonnen etwas mehr auf dem Halm als 2009. Ein deutliches Plus (8,7) gab es dagegen bei der Wintergerste mit durchschnittlich 70,5 Dezitonnen pro Hektar.

Was den Getreideerzeugern auch für das laufende Jahr ein Einnahmeplus in Aussicht stellt, sind nicht unbedingt die Nachfragen aus Deutschland, sondern die Folgen der Globalisierung. Schon vor Jahren hatte Becker betont, dass es eben nicht mehr egal ist, wenn in China der sprichwörtliche Sack Reis umfällt.

Während aufgrund der guten Ernten 2008 und 2009 die Weltbestände beispielsweise bei Weizen auf nahezu 200 Millionen Tonnen angewachsen waren und ein Engpass langfristig nicht in Sicht schien, habe sich das Blatt inzwischen gewendet. Flächendeckende Ausfälle in Osteuropa (unter anderem in den ukrainischen Schwarzerdegebieten, die aus gutem Grund als Kornkammer bezeichnet werden), Handelsbeschränkungen oder Exportstopps (nicht nur Russland behält sein Getreide für den Eigenbedarf zurück), die Risikovorsorge großer Nationen (China und Indien bunkern derzeit rund 78 und die USA 23 Millionen Tonnen Weizen), aber auch die Finanzmärkte sorgten laut Becker dafür, dass die Kurse bei Weizen und anderem Getreide an der Warenterminbörse in Paris in nur fünf Wochen um 80 bis 90 Euro pro Tonne gestiegen wären. Dazu komme, dass der Pro-Kopf-Verbrauch in den Schwellen- und Wachstumsländern schneller steige als die weltweite Produktion. Die zunehmende Bioenergieerzeugung als Ersatz für fossile Stoffe nicht zu vergessen. Kurz: Analysten gehen heute davon aus, dass schon bei einer geringeren bis mittleren globalen Ernte eine Unterversorgung droht.

Trotz stabiler oder steigender Preise erkennt nicht nur der EZG-Geschäftsführer Gefahren für die Landwirte. Denn der Wettbewerb um die endliche Ressource Boden könnte durch kapitalstarke Investoren weiter angeheizt werden. Becker rät seinen Berufskollegen deshalb wenn möglich zur Flächensicherung durch Landkauf. Bei anstehenden Pachtverlängerungen seien eventuell Zugeständnisse nötig. Der Krüdener brachte in dem Zusammenhang eine Gleitklausel für die langfristigen Verträge ins Spiel. Die könnte den Verpächter in guten Jahren am Erfolg teilhaben lassen und den Pächter nach schlechten Ernten etwas Luft verschaffen.

Weil es auch Störfaktoren wie die Währungsparität zum Dollar, inflationäre Tendenzen oder die Spekulationssteuer Einfluss auf die Erlöse haben (dem Dioxinskandal misst er eher eine untergeordnete Bedeutung zu), ist Becker nach wie vor dafür, nicht nur auf ein Pferd zu setzen, sondern einen Teil der Ernte immer bereits im Voraus vertraglich zu binden. Derzeit werden sogar schon Kontrakte für 2012 abgeschlossen.

Bei aller Globalisierung und der weltweiten Preisorientierung machen die Landwirte den überwiegenden Teil ihres Umsatzes nach wie vor mit Geschäftspartnern vor Ort. Aber auch da rät Becker zum Vergleich. Beispielsweise weil in Hocherntezeiten unflexible Abnehmer zum Teil schon 22 Uhr ihre Tore schließen, weil bei durchgängiger Futterqualität mitunter unnötige und zeitraubende Vollanalysen gemacht würden oder weil es erhebliche Unterschiede bei den Abrechnungen gebe. Deutliche Kritik gab es auch an den potenziellen Investoren für eine große Biogasanlage bei Seehausen, für die die EZG den Löwenanteil der Substratabsicherung organisiert, die aber bisher keine Planungsfortschritte präsentieren könnten.

Wie in anderen Jahren wurde August Becker aber auch nicht müde, seine Mitstreiter daran zu erinnern, dass die landwirtschaftliche Praxis und ein gesundes Kostenmanagement die wichtigste Voraussetzung für ein gutes Betriebsergebnis sind.