Aufklärend wirken wollte Pfarrer Richard Perner am Freitagabend mit seinem Vortrag "Sind Sekten gefährlich?" Der katholische Geistliche hoffte dazu im Haus der evangelischen St. Nikolaus-Gemeinde in der Osterburger Burgstraße auf reges Interesse und sollte nicht enttäuscht werden. Die Plätze waren nahezu ausgebucht.

Osterburg. "In Sachsen-Anhalt gibt es keine gefährlichen Sekten", stellte er seinen Ausführungen voran, "aber etwa 20 Gruppierungen, die einen Zulauf haben." Deutschlandweit gebe es zirka 300 verschiedene Sekten. Er selbst habe sich seit längerem für das Wesen und Unwesen der Sekten interessiert.

"Bei mir standen auch schon Vertreter von ominösen Gruppierungen vor der Tür, obwohl am Haus der Hinweis auf das katholische Pfarramt angebracht war", sagte er. Erfahrungen mit Werbern an der Haustür hatten auch einige Besucher des Abends gemacht und berichteten davon.

Eine Sekte - das Wort ist abgeleitet vom lateinischen Verb "sequi", deutsch "(nach-)folgen" - ist die Abspaltung von einer großen Kirche. "Aus Sicht dieser Kirche hat die abgespaltene Gruppe den Boden des gemeinsamen Glaubens verlassen oder die alten Glaubenswahrheiten verändert und ist somit zur Sekte geworden", sagte Perner. Meist verschlechtere sich die Beziehung zwischen beiden soweit, dass die Sekte, beispielsweise die Zeugen Jehovas, die Alleinvertretung der Gottgläubigkeit und des Heilsweges beansprucht.

Vertreter dieser religiösen Sondergemeinschaften arbeiten mit allen möglichen Tricks, um Mitläufer zu gewinnen, und später mit Druckmitteln, um sie unter ihrem Führer oder Guru zu halten und gefügig zu machen. Hier verändern die Mitglieder ihre Persönlichkeit, man impft ihnen Elitebewusstsein ein, sie schotten sich nach außen ab, entsagen ihren Familien, sie werden ausgebeutet und auf subversive und illegale Tätigkeiten hingesteuert. Kritiker werden eingeschüchtert. Es gibt keinen legitimen Grund, aus der Gruppe auszusteigen. Wem es gelingt, abtrünnig zu werden, wird nicht selten bedroht.

Werber sprechen die Leute auf der Straße an oder klingeln einfach an Haustüren, beginnen unverfängliche Gespräche, horchen die potenziellen "Opfer" aus, versprechen ihnen in einer "Gemeinschaft der Selbstlosigkeit" Hilfe in allen Lebenslagen. Als ansprechbar für die Werber erweisen sich erfahrungsgemäß nach dem Sinn ihres Lebens Suchende, Leute, die enttäuscht worden waren, Orientierungslose, von persönlichen Krisen Geschüttelte, psychisch Kranke, Schwerkranke und junge Idealisten. Angesprochene, die des Pudels Kern erahnen, können sich mit Kontrollfragen wie "Versuchen Sie, mich in irgendeine Organisation zu werben? Wer ist der oberste Führer? Was glaubt die Gruppe? Gibt es Leute, die Ihre Gruppe für umstritten halten?" und so weiter vergewissern.

Einen Schwerpunkt seines Vortrags legte Perner auf die Zeugen Jehovas, die seit 1874 schon viermal den nahen Weltuntergang erwarten und sich von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens abkapseln. Sie lehnen zum Beispiel christliche, staatliche und private Feiertage ab, verbieten sogar Bluttransfusionen zur Lebensrettung und legen Bibeltexte nach ihren Lehren aus. Beginnend mit dem Jahr 1923 bis zum 24. Juni 1933 organisierten die Zeugen Jehovas von ihrer Deutschland-Zentrale in Magdeburg das Verkündungswerk ihrer Gruppierung. Derzeit haben sie in Deutschland 190000 Mitglieder, davon in Ostdeutschland 90000.