Von "harten Einschnitten", von "Landflucht" und einem "kulturellen Fleischwolf" durch Weg- und Zuzüge sprach der Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil vergangenen Freitagabend in Windberge. Im Rahmen der ersten Podiumsdiskussion, die zum Spielzeitthema "Land in Sicht" in einem Dorf stattfand, hatte das Theater der Altmark nach Windberge eingeladen. Es kamen rund 30 Gäste aus der ganzen Altmark.

Windberge. Chancen für das Leben auf dem Lande, aber auch der eigene Blick auf die Dinge wurden am Freitagabend im Windberger Dorfgemeinschaftshaus beleuchtet. "Als ich hierherkam, schlug mir ein wahnsinniger Pessimismus in der Politik entgegen - das habe ich nicht verstanden", sagte TdA-Intendant Dirk Löschner, der aus Detmold stammt. Aus dem Stendaler Stadtumbau und einem eigenen IBA-Projekt, das sich auf eine ganz andere Art als anderswo etabliert habe, sei der Kontakt zu Wolfgang Kil entstanden. Der Blick auf Stendal als zentrale Stadt im ländlichen Raum und die Verknüpfung von Stadt und Land sei den Initiatoren wichtig, erklärte Chefdramaturg Sascha Löschner. Und es gehe darum, "mit Experten des Alltags" zu reden.

"Wir wollten nicht immer nur den defizitären Blick auf die Entwicklung, sondern auch Chancen aufdecken, sehen, was man rausholen kann", meinte Wolfgang Kil. Dass die Runde in Windberge stattfand, war Sybille Klug aus Volgfelde zu verdanken. Die Vorsitzende des Kreisverbandes der Landfrauen Stendal hatte auf TdA-Anfrage ein Dorf mit funktionierender Gemeinschaft empfohlen. Und die gebe es in der rund 300 Menschen zählenden Ortschaft mit ihren vier Teilen Brunkau, Ottersburg, Schleuß und Windberge, wie Ortsbürgermeister Hartmut Valentin bei der Eröffnung betonte. In Windberge stünden die Vereine im Vordergrund, erläuterte er den Zusammenhalt. Viele Veranstaltungen würden von den Vereinen organisiert, "hier ist immer etwas los, und die Leute ziehen auch mit".

Schulunterricht via Internet

"Was uns aufgefallen ist, als wir herkamen, war, dass sich die Leute auf dem Lande offenbar entkoppelt fühlen, es Defizite gibt, die auch als solche wahrgenommen werden", stellte Sascha Löschner als Moderator des Abends fest, bevor er die Frage aufwarf: "Wie erreicht man die Leute auf dem Lande?"

Angesprochen wurden im Laufe des Abends von Gästen aus verschiedenen Gegenden vor allem der östlichen Altmark schlechte Straßen, fehlende Zugänge zu schnellem Internet und dass das Theater der Altmark verstärkt in Dorffeste oder lokale Veranstaltungen eingebunden werden sollte, aber auch, dass die früher üblichen Theateranrechte für Schüler wieder ins Leben gerufen werden müssten. Viele Kinder und Jugendliche bekämen gerade auf dem Lande kaum die Gelegenheit, ins Theater zu gehen.

Doch auch andere Probleme gibt es für den Nachwuchs auf dem Land: Weite Schulwege, wenig berufliche Perspektiven. "Wir haben heute Dörfer, in denen Leute wohnen, die überhaupt nichts mehr mit Landwirtschaft zu tun haben - das ist eine Sache, auf die die Gesellschaft sehr wohl reagieren muss", sagte Wolfgang Kil.

Er hat auch die Uckermarck untersucht und sagte: "Die Altmark ist ein Vorreiter - ein besonders leer gewordener Raum. Und die Zukunft hier hängt davon ab, was man selbst in die Hand nehmen kann. Das ist auch eine Form von Luxus."

Die Geschichtsschreibung interessiere sich immer nur für die Gewinner. "Was hier passiert,", so Kil, "passiert immer wieder: Dass Leute in großer Zahl woanders hingehen, hat auch mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun." Und schließlich müsse man sich auch die Frage stellen, ob es in solchen Regionen nicht sinnvoller sei, die Kinder per Internet zu unterrichten, wie in Finnland üblich, anstatt sie mehr als 50 Kilometer mit dem Bus durch die Gegend zu chauffieren.

Prozess, der nicht umkehrbar ist

Sybille Klug entgegnete: "Wenn wir wollen, dass junge Leute hierbleiben, dann müssen wir doch dafür sorgen, dass es hier nicht noch schlimmer wird!" Aber, so hielt Sascha Löschner fragend entgegen: "In einer Gesellschaft in der es darum geht, schneller, höher, weiter zu kommen, müssen wir da unsere Kinder abkoppeln, nur um sie bei uns zu halten?"

Landwirt Ernst Jesse aus Walsleben sprach davon, dass kein Leben aufs Land zu kriegen sei, wenn keine Arbeitsplätze und Infrastrukturen wie die A 14 geschaffen würden. Allerdings, so betonten sowohl Sascha Löschner als auch Wolfgang Kil, sei die Entwicklung auf dem Lande kein Prozess, der umkehrbar sei. Forderungen nach gleichberechtigten Lebensbedingungen im ganzen Land hält Kil für unrealistisch. "Das bringt einige Regionen in ungeheuren Nachholzwang."

Klaus Müller aus Windberge sagte: "Es gibt auch Leute, die aus der Stadt flüchten und aufs Land kommen. In Windberge lebt die Gemeinschaft, hier fühlt man sich wohl, aber wir müssen auch daran arbeiten, dass sich nicht jeder einfach verkriecht."

Ein Thema, das auch Silvia Bahlke aus Bergen bei Werben beschäftigt. Sie berichtete von vielen Zuzüglern, vor allem aus Berlin, die sich mit neuen Ideen einbringen und nicht immer auf Gegenliebe stießen. Dieses Phänomen gebe es auch in Großstädten oder eben in der Uckermark, erzählte Wolfgang Kil. Da gebe es ganze Dörfer, die "umgekippt" seien, wo "die Neuen" in der Überzahl sind. Aber, so betonte er: "Das Land muss da eben durch."