Bevor er nach seiner Recherche für ein Forschungsprojekt in Europa wieder zurück nach Japan fliegt, machte Sebastian Maslow kurz Stopp bei seiner Familie in Havelberg. Wie er die Lage in dem vom Erdbeben zerstörten Gebiet einschätzt, was ihn in seiner Wahlheimat erwartet und wie er seinen Spendenaufruf für Sendai begleiten will, darüber unterhielt sich Volksstimme-Redakteurin Andrea Schröder mit dem 28-Jährigen.

Volksstimme: Ein kurzes Wochenende in Havelberg, bevor es Montagfrüh wieder nach Japan geht. Freude über das Wiedersehen mit der Familie und Erholung für Dich?

Sebastian Maslow: Ja, natürlich freu ich mich, die Forschungsreise mit einem Wiedersehen zu Hause verbinden zu können. Das Wochenende jetzt habe ich genutzt, um ein bisschen zu arbeiten und zu entspannen von den Anstrengungen der letzten Tage und Wochen.

Volksstimme: Du fliegst am Montag wie geplant zurück. Die Situation nach dem Erdbeben vom 11. März hindert Dich nicht daran?

Sebastian Maslow: Warum sollte sie? Es gibt für mich keinen Grund nicht zurückzukehren. Ich werde allerdings in den Süden nach Osaka/Kobe fliegen, um dort ein paar Wochen zu bleiben und die Universitäten dort zu nutzen. Denn in Sendai habe ich zurzeit keine Arbeitsstätte aufgrund der Schäden an den Gebäuden der Universität. Ich werde parallel an meiner Doktorarbeit und an dem Forschungsprojekt arbeiten, denn es gilt, Abgabetermine einzuhalten.

Volksstimme: Welche Auswirkungen hat die Situation auf Deine Arbeit?

Sebastian Maslow: Die Folgen des Erdbebens werden mich mindestens um ein halbes Jahr zurückwerfen. Die Universitäten im Krisengebiet haben ihren Semesterbeginn bis Ende April verschoben. Ich kann meine Bücher nicht nutzen, komme nicht an meine Materialien heran, es sind also vorerst nicht die besten Arbeitsbedingungen. Ich hatte drei Jahre für meine Doktorarbeit geplant, im März 2013 wollte ich fertig sein.

Volksstimme: Bereiten Dir die schwer beschädigten Reaktoren in Fukushima Sorgen?

Sebastian Maslow: Nein, absolut nicht, ich habe hier keine Bedenken und hoffe, dass die Situation bald wieder unter Kontrolle ist.

Volksstimme: Hattest Du während der Zeit in Europa Kontakt zu Freunden und Kollegen, wie ist die Lage in Sendai?

Sebastian Maslow:Die Situation fängt an sich etwas zu entspannen, auch die Versorgungslage. Die ersten Supermärkte öffnen wieder. Es entwickelt sich langsam wieder Normalität an den Orten, die dies zulassen. In den unmittelbaren Küstengebieten sieht das natürlich anders aus. Dort beginnt die Errichtung der Notunterkünfte, bis Ende April sollen die Container für die Menschen, die durch den Tsunami ihre Häuser verloren haben, fertig sein und sie die Notlager verlassen können.

Volksstimme: Du hast, unterstützt vom Rotary Club und der Volksstimme, einen Spendenaufruf gestartet. 2760 Euro waren am Freitag schon auf dem Spendenkonto gutgeschrieben. Geplant ist, ein bestimmtes Objekt in der Präfektur Miyagi zu unterstützen. Wann wirst Du Genaueres wissen?

Sebastian Maslow: Diese Summe ist eine sehr gute Nachricht! Sobald es möglich ist, ich schätze im April, will ich mich mit den Behörden in Sendai kurzschließen. Es wird wichtig sein, Geld für den Wiederaufbau zu haben. Für die Soforthilfe in den Notlagern jetzt, denke ich, sind genug Hilfsgüter vorhanden. Japan selbst hat Ressourcen und internationale Organisationen unterstützen. Meine Sorge ist, dass, wenn die Medien nicht mehr in der Intensität wie derzeit ihren Fokus auf Japan lenken, Geld für den Aufbau in den Krisengebieten, wo Berichten zu Folge eine halbe Millionen Menschen ohne Obdach sind, fehlen wird. Mit den Behörden will ich schauen, welche Einrichtung beim Wiederaufbau mit dem Geld aus Havelberg und Umgebung unterstützt werden kann. Ich rechne, dass damit im Mai, Juni begonnen werden kann.

Volksstimme: Schaut man sich die Nachrichten an, entsteht der Eindruck, dass die Soforthilfe nicht überall ankommt, wo sie nötig ist. Was ist der Grund dafür?

Sebastian Maslow: Das von Erdbeben und Tsunami zerstörte Gebiet ist sehr weiträumig und zum Teil gebirgig. Es ist schwer für die Hilfskräfte, in die entsprechenden Gebiete vorzudringen. Ich meine, es sind genug Hilfsgüter vorhanden. Das Problem ist nicht die Versorgung, sondern die Verteilung.

Volksstimme: Du hast seit dem Erdbeben am 11. März für verschiedene überregionale Zeitungen berichtet. Machst Du das weiterhin?

Sebastian Maslow: Ja, ich möchte über die Lage in Japan berichten und natürlich auch die Havelberger und die Menschen hier in der Region auf dem Laufenden halten.