Für die Mitglieder der Osterburger Vokalgruppe ist der heutige Tag ein ganz besonderer. Vor 72 Jahren wurde in Magdeburg Eberhard Reppin geboren - der Mann, der einst das beliebte Gesangsensemble gründete.

Osterburg. Anfangs war es nur eine kleine Gruppe von Gesangstalenten, die der Lehrer für Musik und Mathematik im Schulchor entdeckte. Diese Stimmen wollte er weiterentwickeln, und so entstand im März 1967 die Vokalgruppe.

Das Musikstück "Tretet ins Leben" von Siegfried Stolte war damals Bestandteil fast aller Auftritte, die von den jungen Sängerinnen (meist gemeinsam mit einem Orchester) gestaltet wurden. Insbesondere bei den zahlreichen Jugendweihen in und um Osterburg wurde es vorgetragen, denn die Symbolik des Titels unterstrich die neue Lebensetappe der Jugendweihe-Teilnehmer. Aber auch für das Gesangsensemble selbst hatte "Tretet ins Leben" eine tiefere Bedeutung, denn mit diesem Musikstück betrat ein neuer junger Chor die altmärkische Musik-Landschaft.

Außerdem verbinden sie damit auch vielfältige und schöne Erinnerungen. Da sind all die Chorproben mit Eberhard Reppin, der sich jeden Sonntag mit ihnen um 10 Uhr im ehemaligen Kino zur Probe traf, weil aus einigen Schülerinnen Studentinnen geworden waren, die nur am Wochenende in Osterbug waren.

Manche der Sängerinnen unterrichten heute selbst Musik und leiten Chöre. Das Wissen und Können dazu haben sie bei Eberhard Reppin erworben, der seine Chormitglieder immer gefördert, aber auch gefordert hat. Weil er aber immer auch selbst mit ganzem Herzen dabei war und außerdem Frau und Tochter in die jährlichen Chorlager einbezogen hat, empfanden die Sängerinnen "ihre Vokalgruppe" als große Familie, der sie sich inzwischen über Jahrzehnte eng verbunden fühlen.

Das Musikstück "Tretet ins Leben" hat ihre Lebenswege auch in anderer Hinsicht immer begleitet, und zwar deshalb, weil sie in den Chorlagern auch oft Besuch von Siegfried Stolte und seiner Frau Hanna bekamen. Der bekannte Komponist und Musiker Stolte, der mit Chorleiter Reppin befreundet war, nutzte die aufgeschlossene Atmosphäre in den Proben gern, um seine neuesten Kompositionen vorzustellen und mit der Vokalgruppe einzuüben.

"Eberhard Reppin hat mit seiner Tätigkeit als unser Chorleiter, aber vor allem auch als Mentor und Mensch hohe Maßstäbe gesetzt. Wir waren gefragt, kamen viel herum und erhielten zahlreiche Anerkennung. Dahinter steckte natürlich auch eine kontinuierliche musikalische Arbeit und viel Disziplin. Andererseits ging es aber oft sehr turbulent und lustig zu. Wir hatten viel Spaß und einen Chorleiter, der uns vertraute", erinnert sich Gudrun Lachmann, die zu den Gründungsmitgliedern gehört.

Sie und ihre Vokalgruppen-Kolleginnen, unter denen auch Reppins Tochter Heike ist, können mit einer Vielzahl unvergesslicher Episoden aus der gemeinsamen Chorzeit aufwarten. Dazu gehören Erinnerungen an zahlreiche Fahrten (oft im engen Trabi) zu den Auftritten wie bei den Arbeiterfestspielen, Chorausscheiden oder Veranstaltungen in Polen, Ungarn und Litauen.

Eberhard Reppin war es wichtig, auch im Erscheinungsbild die Zusammengehörigkeit zu unterstreichen. Mit den Jahren veränderte sich die Kleidung, je nachdem, was gerade modern war. Unterschiedliche Farben bei den Röcken standen eine Zeit lang für die Stimmlagen des Chores. Dann prägten Silastik-Kleider und später Present-2000-Hosenanzüge das optische Bild der Sängerinnen bei den Auftritten.

Und auch vom musikalischen Repertoire her zeigte die Gruppe zunehmend eigenes Profil. Seit einigen Jahren begeistert das Ensemble vor allem mit Gospel-Darbietungen. Während der Chorleiter-Zeit von Eberhard Reppin aber waren es vor allem traditionelle Volkslieder, mit denen sich die Vokalgruppe einen Namen machte.

"Volkslieder singen wir auch heute noch gern. Jedes Mal denken wir dann an Eberhard", gestehen Christine Böhm und Jutta Zerling. Auch die anderen 16 Sängerinnen fühlen sich noch immer eng verbunden mit ihrem ehemaligen Chorleiter, der am 11.Dezember 2010 starb.

Zwar musste Eberhard Reppin schon in den 90er Jahren wegen einer schweren Krankheit seinen Beruf aufgeben (die Leitung der Vokalgruppe übernahm damals Gundula Sommerfeld), aber die Entwicklung "seines Chores" behielt er immer im Auge. Erfreut konnte er noch miterleben, wie mit Bernd Gagelmann im Jahr 2004 ein junger Mann in seine Fußstapfen als Chorleiter trat.

"Bernd war für uns kein Unbekannter. Er hatte unsere Auftritte schon länger am Klavier begleitet. Heute führt er das fort, was Eberhard einst begonnen hat - und er tut das auf seine ganz eigene Art. Das ist toll, und darüber sind wir wirklich froh. Darum nehmen wir auch in Kauf, dass die Proben jetzt freitags stattfinden, weil Bernd die Woche über als Lehrer in Kaltenkirchen arbeitet", erklären Gudrun Lachmann, Dorina Kleist und Andrea Himmel.

Für die insgesamt 18 Sängerinnen und ihren jungen Dirigenten, die inzwischen oft auch zu Kirchen- und Dorfjubiläen oder bei Familienfeiern auftreten, ist ihr Chor längst mehr als nur gemeinsames Hobby. "Vokalgruppe" - das bedeutet für sie ein wichtiges Stück ihres eigenen, aber auch des gemeinsamen Lebens. Und dass sie dieses Stück Leben überhaupt kennen lernen durften, das verdanken sie Eberhard Reppin.