Ende Juni schließt Allgemeinmediziner Horst Engel seine Arztpraxis in Goldbeck. Sehr zur Sorge seiner Patienten, denn ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Goldbeck. Horst Engel feiert im kommenden Monat seinen 73. Geburtstag. "Dann reicht es wirklich. Ich gehe in den Ruhestand", begründet der Arzt, der 42 Jahre in Goldbeck praktizierte, seinen Rückzug aus der Praxis. Ganz wohl ist ihm dabei allerdings nicht. Gern hätte er seine Praxis und die Patienten an einen Nachfolger übergeben. Doch der ist derzeit nicht in Sicht, auch wenn Engel immer mal wieder mit möglichen Anwärtern das Gespräch gesucht hat. "Kein junger Arzt will aufs Land", hebt der Sanitätsrat ratlos die Schultern.

"Wir brauchen doch einen Arzt im Dorf"

Ratlosigkeit herrscht auch bei vielen seiner rund 300 Patienten, die nicht nur in Goldbeck zu Hause sind, sondern unter anderem auch in Baben, Bertkow, Klein Schwechten, Möllendorf und Petersmark. Vor allem bei den älteren.

"Wir brauchen doch einen Arzt im Dorf", sagt Erika Brauer schon fast flehentlich. Sie gehört zur Ortsgruppe der Volkssolidarität, deren Mitglieder die Praxis in ihrem Ort erhalten sehen möchten und in einer Gesprächsrunde von ihren Sorgen berichten und ihre Vorstellungen darlegen. So hofft Edith Riedel, dass zumindest ein-, zweimal pro Woche Sprechstunden im Ort stattfinden, beispielsweise zur Verschreibung von Medikamenten.

"Wir glauben nicht an eine vollumfängliche Fortsetzung"

Die Alternativen für die Goldbecker hießen vornehmlich Osterburg und Stendal. Doch Linienbusse würden nur am Nachmittag fahren, gibt Irmgard Habekus zu bedenken; Rufbusse seien vielen "älteren Leutchen" zu umständlich. Auch den Bahnanschluss sehen die Senioren mit gemischten Gefühlen. Problem sei der Fahrkartenautomat, dessen Anweisungen per Display für einige von ihnen "einfach zu schnell" sei.

Zudem sind sich die Goldbecker nicht sicher, ob ihnen der Weg in die benachbarten Städte nutzt. Viele Praxen dort sollen bereits darauf verweisen, dass sie keine neuen Patienten annehmen, so die Seniorenrunde.

Einen Weg aus dem Dilemma sucht auch Bürgermeister Torten Dobberkau. Er will nicht kampflos hinnehmen, dass das Dorf nach 110 Jahren ohne Arztpraxis dasteht. Deshalb hat er Kontakt mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Magdeburg aufgenommen. Dort, berichtet er, habe man ihm allerdings wenig Hoffnung gemacht, dass ein Arzt nach Goldbeck kommt.

Das bestätigt sich während eines Gespräches der Volksstimme mit der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt. "Wir glauben nicht an eine vollumfängliche Fortsetzung der Praxis in Goldbeck", erklärt Mitarbeiter Tobias Irmer auf Volksstimme-Nachfrage. Er verweist darauf, dass die "Nachbesetzungsquote" bei Hausärzten in Sachsen-Anhalt gegenwärtig bei gerade einmal 65 Prozent liegt. Das sei für die Patienten nicht zufriedenstellend, aber unter anderem dem Bevölkerungsrückgang geschuldet.

"Ist die Praxis dicht, wird sie kein Arzt mehr öffnen"

Mit Horst Engel sei die Kassenärztliche Vereinigung schon seit geraumer Zeit in Kontakt, so Irmer, und habe nach Möglichkeiten gesucht, wie die Praxis fortgeführt werden könne. Bislang ohne Erfolg. Ein Fünkchen Hoffnung macht Irmer dennoch. Die Kassenärztliche Vereinigung will Stendaler Ärzte anschreiben, um zu erkunden, ob sie eine Zweigpraxis in Goldbeck betreiben und damit Sprechstunden im Dorf abhalten könnten. "Die Briefe", kündigt Irmer an, "sollen noch in dieser Woche rausgehen."

Auch Dobberkau könnte sich eine Außensprechstunde mit Ärzten aus anderen Orten vorstellen, die dafür die Praxisräume nutzen. Für den Bürgermeister ist aber auch klar: "Ist die Arztpraxis erst einmal dicht, wird sie kein Arzt mehr öffnen." Dann könnte es noch weiter in der Goldbecker Infrastruktur "bröckeln", beispielsweise die Wirtschaftlichkeit und damit die Existenz der örtlichen Apotheke in Frage gestellt sein.