Nie geraucht, immer Sport getrieben, kein Übergewicht, normaler Blutdruck und doch mit gerade mal 50 Jahren einen Herzinfarkt durchgemacht. Zwanzig Zigaretten am Tag gequalmt, kaum Bewegung, 30 Kilo zuviel, Blutdruck und Cholesterin zu hoch und allen Erwartungen zum Trotz bis ins hohe Alter gesund gewesen. Wie oft hat man in seinem Freundes- und Bekanntenkreis eine solche Geschichte erzählt bekommen! Und in der Tat: So etwas kommt vor, ist zwar selten, aber lehrt uns, dass nicht nur die klassischen Risikofaktoren allein bestimmend sind, sondern noch andere Größen mit im Spiel sein müssen.

Dem Herzinfarkt liegt eine über Jahre für den Betreffenden unbemerkt verlaufende, stetig zunehmende Einengung der das Herz mit Blut versorgenden Adern zugrunde. Sehen wir das Herz als Motor an, so sind diese Adern die Benzinleitungen, die den Kraftstoff zum Motor führen. Wenn über Jahrzehnte Wasser durch ein Rohr fließt, so bilden sich zwangsläufig Ablagerungen. So wie sich Bestandteile des Wassers an den Wänden des Rohres niederschlagen, so lagern sich Blutbestandteile, allen voran Fette, an den Innenflächen der Adern ab und führen zu Arterienverkalkung. Logischerweise ist dieser Prozess altersabhängig. Autoptische Untersuchungen von Unfallopfern haben eine glasklare Beziehung zwischen dem Grad der Arterienverkalkung und dem Alter des Verunfallten gezeigt. Das Altern selber ist also schon ein wesentlicher, nicht beinflussbarer "Risikofaktor".

Anders scheint es bei der Ernährung zu sein. Wird eine Gruppe von Versuchstieren sehr fettreich ernährt, so finden sich an den Adern dieser Tiere im Gegensatz zur fettarm ernährten Gruppe schon nach wenigen Monaten gelblich-weiße Beläge, sogenannte Fettstreifen. Diese Fettstreifen gelten als Vorstufe der Verkalkung und verschwinden fast immer bei Umstellung von einer fettreichen auf eine fettarme Ernährung. Ein hoher Blutfett- bzw. Cholesterinspiegel beim Menschen ist häufig auf eine zu fettreiche Ernährung bei mangelnder Bewegung zurückzuführen, kann aber - wenn auch selten - bei gesunder Ernährung mit wenig fettem Fleisch vorkommen.

Die Aufnahme von Fett aus dem Magen-Darmtrakt, die weitere Verarbeitung des Fettes in der Leber, kurzum der Fettstoffwechsel, ist bei jedem Menschen genetisch festgelegt. Ähnlich verhält es sich mit der Regulation des Blutdrucks, der analog dem Cholesterinspiegel ebenfalls durch starkes Übergewicht und fehlende Bewegung weiter in die Höhe getrieben wird, aber auch im wahrsten Sinne des Wortes von den Eltern mitbestimmt wurde.

Die Medizin prahlt gerne mit ihrem Wissen. In Bezug auf die Entstehung des Herzinfarktes weiß sie viel weniger, als sie vorgibt. Für die ihm von seinen Eltern mitgegebene Erbinformation kann der Mensch nichts. Immer mehr Gene werden identifiziert, die Arterienverkalkung fördern oder hemmen können. Was das Leben mit uns und unserem Herzen vor hat, liegt - allerdings nur zu einem gewissen Teil - nicht in unserer Hand und ist somit schicksalhaft. Umso mehr sind wir aufgerufen, unseren Beitrag zum Erhalt unserer Gesundheit zu leisten. Der drohende Kollaps unseres Gesundheitswesens geht auch auf die insbesondere bei jüngeren Menschen zu verzeichnende große Anzahl an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück.

Es ist eine gesicherte Erkenntnis, dass allein Rauchverzicht, gesunde Ernährung und ausreichende körperliche Bewegung das Auftreten eines Infarktes auch bei genetisch ungünstig ausgestatteten Menschen mit zahlreichen Ereignissen bei Eltern und Großeltern zumindest um viele Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte, hinauszögern können.

Sich gesundheitlich verantwortungsvoll zu verhalten, sollte uns deshalb zur Pflicht werden, dann da sind wir nicht nur unseres eigenen Glückes Schmied, sondern können einen Beitrag zur Entlastung des Gesundheitswesens leisten, der vielleicht noch effektiver und wichtiger ist als unser monatlicher Obolus an die Krankenkasse.

Prof. Dr. med. Ulrich Nellessen ist Ärztlicher Direktor am Johanniter-Krankenhaus Genthin Stendal

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