Auf Anregung des Stadtratsmitglieds Vernonika Benecke beschäftigte sich der Ausschuss für Wirtschaftsförderung, Tourismus, Soziales und Kultur der Hansestadt Seehausen während seiner Sitzung am Dienstag erstmals mit dem Thema "Zunehmende Altersarmut". Dabei wurden Vorschläge geäußert, wie dem Problem auf lokaler Ebene entgegen gewirkt werden könne.

Seehausen. "Unter anderem Mitarbeiterinnen von Pflegediensten bestätigen, was nicht offensichtlich ist. Es gibt Altersarmut und sie nimmt zu. Die Schwestern erleben das täglich bei ihrer Arbeit.", so Stadträtin Veronika Benecke einleitend zu diesem Thema.

Die Pastorin im Ruhestand führte anschießend statistische Zahlen an, die zum Nachdenken anregen. Drei Viertel der Deutschen, so Benecke, schätzten ihre Wirtschaftslage zwar als gut bis sehr gut ein und nutzen sicher zum Großteil auch Vorsorgemöglichkeiten. Aber in den neuen Bundesländern bezögen ein Viertel, in einigen Gebieten sogar bis zu einem Drittel der Menschen Hartz-IV-Leistungen - zum Teil zusätzlich, obwohl sie arbeiteten. Sie hätten kaum Möglichkeiten der privaten Altersvorsorge. Dazu sei die Zahl der Kinder unterhalb der Armutsgrenze beträchtlich. Aus diesen Zahlen ließen sich auch Rückschlüsse auf die Altersarmut ziehen. "Die gesellschaftliche Diskussion darüber hält sich erstaunlicherweise noch sehr in Grenzen, obwohl die Fakten, die beispielsweise im Internet abrufbar sind, eine eindeutige Sprache sprechen. Es gibt Zahlen, die einen erzittern lassen - vor allem wenn man an die Zukunft denkt."

In den 1950er Jahren, so die Pastorin, galt, dass ein Mensch im Ruhestand mindestens 70 Prozent seines Verdienstes als Berufstätiger erhalten sollte, um ein würdiges Leben im Alter führen zu können. Dies sei im Laufe der Zeit auf 60 Prozent heruntergefahren worden. "Wenn wir nun bedenken, dass vor allem in den neuen Bundesländern viele Menschen von Hartz-IV leben müssen oder das Geld auch für Berufstätige kaum zum Leben reicht, lässt sich ablesen, was das für die Betreffenden im Alter bedeutet. Die Gruppe der jetzt 40- bis 50-Jährigen wird es richtig treffen."

Kühnel: "Kinderarmut ist ein Alarmsignal"

Auch der sachkundige Bürger im Ausschuss, Michael Kühnel, hält eine breit angelegte Diskusion über das Thema Armut für dringend erforderlich. Bereits im Jahr 2004 waren 15 Prozent der älteren Menschen in Deutschland von Armut betroffen. Internationale Institutionen wie die EU und die OECD (Organisation für wirtschafiche Zusammenarbeit und Entwicklung) erwarten künftig zunehmende Altersarmut in Deutschland - vor allem weil das Land bei den Rentenhöhen für Geringverdiener unter den 30 OECD-Ländern an letzter Stelle liege. Besondere Risikogruppen seien neben Frauen (vor allem allein erziehende Mütter), Geringverdiener, Langzeitarbeitslose, chronisch kranke und behinderte Menschen, Demenzkranke und ihre pflegenden Angehörigen.

Auch Kühnel führte als Alarmsignal die Kinderarmut an. Im Landkreis Stendal sei diese Quote mit 35 Prozent erschreckend hoch. Auch Kinder von berufstätigen Eltern fielen darunter, von Menschen, die trotz Erwerbstätigkeit auf Zahlungen aus dem sozialen Sicherungssystem angewiesen seien. Kühnel: "Der Niedriglohnsektor und die oft sehr schwierige Lage alleinerziehender Eltern ist ein Problem, das uns künftig auf die Füße fallen wird." Veronika Benecke betonte, dass sie mit dieser Thematik eine Diskussion anschieben will. "Altersarmut ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Aber es gibt sicher Möglichkeiten, auch auf kommunaler Ebene etwas zu tun."

Mehr altersgerechter, bezahlbarer Wohnraum

"Ich halte es zum Beispiel für erforderlich, für die Zukunft mehr altersgerechten und dabei bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen", so Benecke. Micheal Kühnel meinte, es sei außerdem wichtig, soziale Netzwerke aufzubauen, um der Armut allgemein entgegen zu wirken.

Der bei der Sitzung mit anwesende Bürgermeister Ewald Duffe, meinte, dass in Deutschland die zahlreichen karitativen Einrichtungen sehr viel leisteten, um das Problem der Altersamut abzufedern. Das werde künftig noch zunehmen. Einrichtungen wie Mehrgenerationenhäuser und Wohngemeinschaften für ältere Menschen seien in Zukunft unverzichtbar. Duffe: "Wir müssen uns als Kommunalpolitiker auch überlegen, was etwa die Gesellschaft für Bauen und Wohnen in dieser Richtung mittel- und langfristig tun kann."

Der Ausschussvorsitzende Dr. Helmut Günther erinnerte daran, dass das derzeitige Leader-Förderprogramm den Titel "Generationsübergreifende Daseinsfürsorge" trägt und damit genau diese Thematik aufgreift. "Über Leader hat sich in der Altmark schon einiges getan. Und wir müssen feststellen, dass andere wieder cleverer waren als wir und Fördermittel für ihre Projekte abgreifen." Auch darüber sei noch einmal zu reden.

Günther: "Wirtschaft muss gestärkt werden"

"Die Altersarmut hängt eng mit der Problematik des oft zu geringen Einkommens von großten Teilen der Bevölkerung zusammen. Daher ist es für uns umso wichtiger, alles für die Stärkung unserer Wirtschaft zu tun. Initiativen wie die Ansiedlung des Bioenergieparks, die zumindest einige vergleichsweise gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen, sind wichtig", fügte der Ausschussvorsitzende hinzu.

Fest steht für den Ausschuss, dass die Diskussion am Dienstag erst ein erster Gedankenaustausch zu dem Thema gewesen ist. Es werde in Zukunft häufiger auf der Tagesordnung stehen.

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