Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern positive Lebensverhältnisse sichern - das ist eine zentrale Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Wie das gelingt und welche Verantwortung Politik und Gesellschaft übernehmen müssen, damit die Praxis nicht den Ansprüchen hinterherhinkt, war Thema eines Kongresses in Stendal.

Von Fabian Böker

Stendal. Ein Garant für die Einhaltung dieses Ziels ist seit nunmehr über 20 Jahren das weltweit einmalige Kinder- und Jugendhilfegesetz. Doch in Zeiten einer immer weiter fortschreitenden Ökonomisierung der Welt und ihrer Gesellschaften hinkt die Praxis den Ansprüchen dieses Gesetzes zunehmend hinterher.

Vorträge und Referate vor 60 Teilnehmern

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, veranstaltete der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) am vergangenen Wochenende einen Kongress an der Stendaler Hochschule. Das Motto lautete "Sind wir noch zu retten?! Quo vadis Kinder- und Jugendhilfe?"

In Form von Referaten, Vorträgen und Podiumsdiskussionen versuchten etwa 60 Teilnehmer, sich dem Thema zu nähern. Im Zentrum stand dabei die Frage, inwieweit Einsparungen im kommunalen Bereich aufgrund wirtschaftlicher Zwänge Einfluss auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben, da die entsprechenden Institutionen mehrheitlich aus städtischen Mitteln finanziert werden.

Matthias Heintz, der verantwortliche Projektgruppenleiter, sprach bei seiner Eröffnungsrede von einer "stetigen Aushöhlung", die zu einem "schmerzhaften Prozess" geführt habe. Ziel sei es nun, angelehnt an das Kongress-Logo eines Rettungsringes, "das Schiff wieder auf guten Kurs" zu bringen.

Heidi Bauer-Felbel aus dem Vorstand des DBSH pflichtete ihm bei und stellte eine "gewisse Schieflage der Sozialarbeit" in den letzten Jahren fest, die bei den Involvierten zu Wut und Verzweiflung einerseits, aber auch zu Kampfbereitschaft geführt habe.

Prof. Michael Klundt von der Hochschule Magdeburg-Stendal stellte seinen Vortrag unter die Losung "Jugendhilfe zwischen Fachlichkeit und Ökonomisierung" und suchte dabei nach Gründen für die angesprochene Entwicklung. Er machte den Zusammenhang deutlich zwischen einem vor allem von Armut geprägten gesellschaftspolitischen Rahmen und den eigentlichen Zielen der Kinder- und Jugendarbeit, wie Förderung der Entwicklung und Erziehung zu Eigenverantwortlichkeit.

Am Ende stehen die Stendaler Thesen

Andere Vorträge fragten nach den Gestaltungsmöglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe im 21. Jahrhundert; Referate drehten sich um die Themen "Mitwirkungspflicht & Elternverantwortung" oder "Perspektiven für die Kooperation des DBSH mit Studierenden".

Über die Erkenntnisse der Vorträge und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten gab es eine spannende Podiumsdiskussion. Teilnehmer waren sowohl Vertreter diverser Hochschulen als auch Experten aus der Kinder- und Jugendhilfe sowie Politiker. Auch Prof. Dr. Dr. Reinhard Wiesner - einer der Urheber des Kinder- und Jugendhilfegesetzes und heute im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend tätig - nahm teil.

Das Fazit in Form der Stendaler Thesen (siehe Infokasten) wird nun ausgearbeitet und dann der Fachöffentlichkeit bereitgestellt.