Der Kreisverband Osterburg des Sozialverbands Deutschland wählte auf seiner Jahreshauptversammlung Ende März Matthias Kühnel zum neuen Vorsitzenden. Der 45-Jährige löste den langjährigen Orts- und Kreisverbandschef Ernst Morawietz ab. In seinem neuen Ehrenamt, sagt Kühnel gegenüber der Volksstimme, wolle er die Gelegenheit nutzen, sich intensiv für soziale Gerechtigkeit einzusetzen.

Seehausen. Matthias Kühnel ist gebürtiger Altmärker. Er wuchs in Gardelegen auf und zog 1990 nach Seehausen. Der verheiratete Vater von zwei Kindern ist von Beruf Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn. "Soziale Gerechtigkeit war für mich schon immer ein enorm wichtiges Thema. Das lag an negativen Erfahrungen, die ich bereits zur DDR-Zeiten in der eigenen Familie gesammelt habe. Mein Bruder war an Muskelschwund erkrankt. Es gab damals keine staatlichen Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche mit dieser Krankheit speziell gefördert haben. Stattdessen kam mein Bruder in ein Altersheim. Das ist der Grund dafür, dass er bereits mit 18 Jahren verstarb. Spezielle Förderung und Inte-gration hätten sein Leben ganz sicher deutlich verlängert", so Kühnel. Unter anderem diese Erfahrung habe ihn geprägt, und es sei ihm schon früh klar gewesen, dass man etwas tun müsse für Behinderte und Benachteiligte.

"In den Köpfen muss noch viel passieren"

"In Sachen baulicher Barrierefreiheit hat sich zwar bis heute schon sehr viel getan, aber in den Köpfen der Menschen muss dahingehend noch viel passieren. Nach wie vor mangelt es auf vielen Ebenen an wirklicher Integration", ist der Seehäuser überzeugt.

Diese Überzeugung habe ihn 2007 auch dazu veranlasst, der Linkspartei beizutreten, in deren Programm das wichtige und breit gefächerte Thema Soziale Gerechtigkeit eine zentrale Rolle spiele. Kühnel gehört der Basisgruppe Seehausen-Osterburg der Linkspartei an und arbeitet als Delegierter auch auf Landesebene mit.

Außerdem engagiert sich der 45-Jährige kommunalpolitisch. Er ist in Seehausen sachkundiger Einwohner im Bau- und Ordnungsausschuss und im Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus, Soziales und Kultur.

Damit nicht genug. Seit drei Jahren ist Matthias Kühnel Mitglied des Sozialverbandes Deutschland (SoVD). "Der Sozialverband ist eine traditionsreiche Organisation, die sich seit langem um die Schwerpunktthemen Pflege, Rente und Grundsicherung kümmert. All diese Themen haben für mich einen sehr hohen Stellenwert - sowohl aus meiner politischen Grundüberzeugug heraus, aber auch familiär bedingt", so Kühnel zu seinen Beweggründen, dem Sozialverband beizutreten. Der SoVD sei sozusagen der ADAC im Sozialrecht.

"Wir überprüfen die Behördenbescheide der Mitglieder - von der Rente bis Hartz IV - und leiten bei Bedarf Widerspruchsverfahren in die Wege. Der Sozialverband leistet für seine Mitglieder sozialrechtliche Vertretung bis hin zur Sozialgerichtsbarkeit", erklärt Kühnel.

Der Jahresbeitrag liegt derzeit bei 60 Euro pro Person. Für Familien sei der Beitrag noch günstiger. Der Kreisverband Osterburg des Sozialverbands, dem die Ortsverbände Seehausen, Osterburg und Arendsee angehören, zählt gegenwärtig 96 Mitglieder - überwiegend Rentner.

Matthias Kühnel will künftig neben Rentnern verstärkt auch jüngere Mitglieder gewinnen. Kühnel begründet: "Je breiter wir aufgestellt sind, um so besser. Und wenn auch viele Menschen meinen, sie seien aufgrund ihrer persönlichen Lebensumstände nicht auf den Sozialverband angewiesen. Fest steht, dass jeder jederzeit von heute auf morgen auf Sozialleistungen angewiesen sein kann."

Die Beratungsstelle des Verbands in Seehausen musste vor einiger Zeit schließen. Kühnels Ziel ist es, wieder ein Beratungsbüro in der Wischestadt zu eröffnen. "Kurze Wege für die Mitglieder sind wichtig." So lange müssen potenzielle Interessenten aber nicht warten. Sie können sich direkt an Kühnel wenden (Telefon: 039386/75589 oder per E-Mail: SoVD-KV-Osterburg@t-online.

"Einkommen vom Kind bis zum Rentner"

Matthias Kühnel ist davon überzeugt, dass Interessenvertretungen wie der Sozialverband in Deutschland künftig noch an Bedeutung gewinnen werden. "Wir erleben gegenwärtig die Verarmung großer Teile der Gesellschaft - vom Kind bis zum Rentner. Vor allem in Ostdeutschland. Das potenziert die Probleme in der Zukunft. Realität ist, dass viele Menschen ihr ganzes Leben lang arbeiten, aber das Einkommen trotzdem nicht reicht - oft nicht einmal für die Grundsicherung. Die Folgen für die Sozialsysteme sind gravierend."