Die Familientagesklinik in Salzwedel ist die einzige ihrer Art in Sachsen-Anhalt. Für die Mutter Kathleen S. endete dort ein langer Weg auf der Suche nach einem harmonischen Familienleben.

Salzwedel l "Er hat mich regelrecht ausgelacht, geschrien, getreten und nicht gehört, er wollte nicht schlafen, hat die ganze Familie bis morgens wachgehalten." Kathleen S. war eine völlig überforderte junge Mutter, die mit ihrem zweiten Kind, Sohn Maximilian, große Sorgen hatte. "Wenn ich jetzt keine Hilfe hole, dann ist es vorbei", hat sie in ihrer Verzweiflung gedacht, ehe sie sich schließlich an die Familientagesklinik in Salzwedel wandte. Es ist die einzige Klinik ihrer Art in Sachsen-Anhalt.

Die Hilfe anzunehmen, "war das beste, was ich machen konnte", erzählt die 29-Jährige zurückblickend und lächelt froh. Sie ist zufrieden, erleichtert, das ist ihr anzusehen. Denn inzwischen läuft ihr Alltag wieder wesentlich ruhiger, sie freut sich sogar schon darauf, ab Anfang des Jahres wieder arbeiten zu gehen. Ihren Job als Reinigungskraft hatte sie im vorigen Jahr aufgegeben, um ihr Familienleben in Ordnung zu bringen.

Was in der Klinik am meisten half: Sie als Mutter wurde in die Therapie ihres Sohnes einbezogen, ebenso wie alle anderen Familienmitglieder.

"In der Klinik war er der artigste Junge, zu Hause aber blieb alles beim alten."

Das Konzept ist noch nicht alt. Vor 35 Jahren eröffnete in London die erste Familientagesklinik. 1997 und 1998 folgten mit Kliniken in Dresden und Münster die ersten Einrichtungen in Deutschland, berichtet Chefärztin Dr. Beate Schell. Inzwischen gibt es in Deutschland weitere Familientageskliniken. Für das Konzept sprechen Erfahrungen: Eltern sehen Tageskliniken häufig als "Reparaturwerkstätten" für ihre Kinder. Doch wenn sich das häusliche Umfeld nicht mitverändert, sind Therapien weniger wirkungsvoll.

Ein Fakt, den Kathleen S. bestätigt. Ihr Junge war ab seinem sechsten Lebensjahr in Behandlung, unter anderem absolvierte er auch eine Therapie in der Klinik in Uchtspringe. Doch eine nachhaltige Besserung trat nicht ein. "In der Klinik war er der artigste Junge, den es gab, zu Hause aber blieb alles beim alten", berichtet die Salzwedelerin. Erst mit den Aufenthalten in der Tagesklinik stellte sich auch daheim eine Veränderung ein. Kathleen S.: "Wir haben nicht die Kinder geändert, sondern uns selbst."

In der Klinik erhielt die junge Frau nicht nur eine neue Diagnose für ihren Sohn. Sie lernte auch, sich auf ihn einzustellen. "Es geht in Richtung einer leichten geistigen Behinderung. Maximilian versteht manchmal gar nicht, was ich von ihm möchte", erzählt die Mutter. Was früher zur Eskalationen führte, stößt inzwischen auf Verständnis. "Ich bin ruhiger geworden, und dann sind auch meine Kinder ruhiger", sagt Kathleen S., die das Angebot zwölf Wochen in Anspruch nahm.

Im Hinblick auf Maximilian fühlte sie sich selbst vor ein Rätsel gestellt. Denn ihr erstes Kind, die zehnjährige Lea Elisa, war früh sehr selbständig, ist für ihren Bruder wie eine zweite Mutter. Über den Trubel um Maximilian war das Mädchen aber wie vergessen, "sie war gar nicht mehr präsent", erzählt die Mutter. "Ich war ganz kaputt. Ich hatte schon keine Lust mehr, morgens aufzustehen", erinnert sie sich, "erst in der Tagesklinik habe ich gelernt, meine Kinder wieder wertzuschätzen."

Kathleen S. hat dort ihre Erziehungskompetenz gestärkt und den Umgang mit der Symptomatik ihres Sohnes erlernt. Viele hilfreiche Tipps aus der Tagesklinik nutzt sie noch heute. Beispielsweise schreibt die Mutter an schwierigen Tagen auf, was toll an ihren Kindern ist. Zum Einkaufen gibt es immer zwei Listen: eine für die Mama, die ist von Hand geschrieben, und eine für die Kinder, die ist gemalt. "Auf diese Weise haben sie zu tun und keine Zeit zum Quengeln, der Einkauf kann gemeinsam und vor allem entspannter erledigt werden", sagt die Mutter. Und die Zeit, die sie für die Vorbereitung des Einkaufes aufwendet, kommt am Ende wieder dem positiven Familienklima zugute.

Ohne das Einbeziehen aller Beteiligten folgen absehbare Patientenkarrieren.

Genau dieses Ziel verfolgt das Team aus Fachärzten, Psychologen, Krankenschwestern, Sozialarbeitern und Ergotherapeuten. Selbst Lehrer, Mitarbeiter von Ämtern und Behörden sowie von Familienhilfen werden in die Therapie einbezogen, damit die erlernten Lösungsstrategien dauerhaft angewendet werden. Ohne das Einbeziehen aller Beteiligten sind absehbare Patientenkarrieren, teilweise in der zweiten Generation, und zum Beispiel auch die sukzessive Aufnahme von Geschwisterkindern die Folge, hat Dr. Schell beobachtet.

Kathleen S. ist mit ihrer Familie vor Weihnachten sogar noch umgezogen - in eine kindgerechte Umgebung, mit Grünanlagen und einem Spielplatz in der Nähe, einem gepflegten Wohnumfeld, in eine Wohnung, in der die Heizung immer funktioniert, stets warmes Wasser bereitsteht, die Wände nicht schimmeln, erzählt sie stolz. Dass sie das schaffen würde, hätte die Mutter vor einem Jahr nicht für möglich gehalten.

Und wie läuft nun ein Tag in einer Tagesklinik ab? Von halb acht bis halb drei sind die Familien dort. Sogar eine kleine Klinik-Schule gibt es. "Wir hätten auch die Väter gern dabei", erzählt Sozialarbeiterin Kathrin Struhs. Doch das ist häufig nicht möglich. Denn die Eltern werden lediglich als notwendige Begleitpersonen aufgenommen und haben somit keinen Patientenstatus. Ein großes Manko, findet Kathrin Struhs.

Freundschaften, die über die Zeit in der Klinik hinaus geschlossen werden, geben Halt.

Die Familien bilden zusammen eine große Gruppe. Sie lernen nicht nur miteinander, sondern auch voneinander. "Ich habe mich immer gefragt: Hab nur ich solche Horror-Kinder?", erzählt Kathleen S. In der Gruppe habe sie erlebt, dass es in anderen Familien ebenfalls Probleme gibt "und dass ich nicht allein dastehe". Und wenn dann eines der anderen Kinder ausrastete, während ihre eigenen artig am Tisch saßen und aßen, stimmte das die Mutter stolz.

Die Familien geben sich gegenseitig Halt, machen Mut und unterstützen sich, bestätigt Kathrin Struhs. Häufig entwickeln sich auf diese Weise sogar Freundschaften, die über die Zeit in der Klinik hinausreichen. Aber die Arbeit dürfte für das Team der Tagesklinik nicht immer einfach sein.

Das Leben danach: "Vor diesem Tag hatte ich große Angst."

Im Tagesverlauf werden gezielt Konflikte provoziert, um mit den Familien besonders nah an der Realität zu arbeiten und sofort eingreifen, analysieren, reflektieren und nach Lösungsstrategien suchen zu können. Die Arbeit erfolgt eben "live". Das erfordert viel Kraft von allen Beteiligten, und es gibt häufig Tränen. Aber schon nach den ersten zwei Wochen stellen sich Verbesserungen ein, berichtet Kathrin Struhs. Nach sechs bis acht Wochen ist für die Familien die Zeit gekommen, ohne die Aufenthalte in der Tagesklinik auszukommen. "Vor diesem Tag hatte ich große Angst", bestätigt Kathleen S.

Doch die Therapie umfasste auch Vorbereitung auf diese Zeit. Die Familie bekommt nun regelmäßig Besuch von einer Familienhelferin. "Darüber bin ich sehr froh." Sicherheit hat ihr zudem die Möglichkeit gegeben, zurückkehren zu können, wenn es nicht läuft. Doch bislang kommt Kathleen S. zurecht und weiß, schwierige Situationen zu lösen. Und wenn andere über ihre Entscheidung die Nase rümpfen, reagiert Kathleen S. erhobenen Hauptes darauf, denn für ihre Familie war sie goldrichtig.

Eine Erfahrung, die teilnehmende Familien teilen: "Erste Rückmeldungen zeigen eine hohe Akzeptanz des Therapieverfahrens und vielversprechende Ergebnisse", resümiert Dr. Schell.