Salzwedel l Eigentlich wollten sie sich nur zu einem gemütlichen Abend treffen, doch nun stehen sie doch vor ihrer Anlage - in kleinen Grüppchen, mit verschränkten Armen, teils über die Miniaturwelt gebeugt, die sie seit 1985 geschaffen haben. Schnell wird klar: Für die Mitglieder des Modelleisenbahnclubs Salzwedel ist ihr Hobby Passion. "War die Treppe letztes Mal schon da?", fragt einer. "Nein", ist sich ein anderer sicher, "da hat Peter wohl heimlich weitergebaut."

Einmal pro Woche treffen sich die Modelleisenbahner in ihrem Domizil in der Lessing-Grundschule. Männlicher Spieltrieb, den sie dort ausleben? Weit gefehlt! "Ein Modelleisenbahner spielt nicht, er fährt", betont Vereinsvorsitzender Ingo Rosenthal. Wer das Hobby als Spielen bezeichnet, könnte einen Modelleisenbahner damit empfindlich treffen. Im Extremfall frönen die ganz Begeisterten ihrem Hobby sogar mit echten Fahrplänen. Und die gilt es einzuhalten. Da wird dann rangiert und gefahren, damit die Züge Bahnhöfe pünktlich erreichen und wieder verlassen können. Harte Arbeit. Doch ganz so eng sehen es die Modelleisenbahnfreunde aus Salzwedel nicht, wenn sie ihre Miniaturbahnen aus der Zeit von 1945 bis 1985 von Hand über die Gleise steuern, selbst wenn am Bahnhof Lauscha der Fahrplan aus dem Jahr 1983/84 hängt.

"Es muss nur zur Anlage passen. Ein modernes Hochhaus zum Beispiel könnten wir in Probstzella nicht bauen."

Ingo Rosenthal

Der Bahnhof Lauscha war der erste, den die Modelleisenbahner nachbauten. Und zwar originalgetreu. Dafür waren sie einst extra nach Lauscha gereist und nahmen dort Fotografien auf, die später als Vorlage für den Nachbau dienten.

Insgesamt gibt es auf der raumfüllenden Anlage vier Bahnhöfe: Neben Lauscha gehören Sonneberg-Nord, Probstzella und Blechhammer dazu. Während der Bahnhof Lauscha auch von den Häuserzeilen her am Original gehalten ist, haben die Modellbauer bei den anderen Bahnhöfen hauptsächlich den Verlauf der Gleise am Original gehalten. Um den Bahnhof Probstzella haben sie eine Fantasie-Stadt gebaut.

Die Modelleisenbahner werden dabei auch zu Grundstückseigentümern. "Man kauft dann ein Grundstück, und das kann man gestalten. Es muss nur zur Anlage passen. Ein modernes Hochhaus zum Beispiel könnten wir in Probstzella nicht bauen", sagt Ingo Rosenthal. Er selbst hat eine kleine Gärtnerei außerhalb des Stadtgebietes kreiert. Seine Frau besitzt in Probstzella den Blumenladen dazu.

Die Partnerinnen der Modelleisenbahner sind häufig auch Mitglied im Verein. Sie unterstützen die Männer nicht nur wenn es darum geht, Feierlichkeiten zu organisieren, die zum Vereinsleben gehören, sondern dürfen auch mitbauen, wenn sie möchten.

Die wichtigsten Werkzeuge für die Modelleisenbahner sind Hände, Kopf und Augen. Da wundert es nicht, dass Modelleisenbahner Konrad Schwaner sagt, er betreibe das Hobby, um auch im Alter geistig fit zu bleiben. Ansonsten sind die Mitglieder alles - vom Schlosser bis zum Elektriker. Selbst Schaltpläne werden gefertigt, bevor es an den Bau geht.

Bei der Werkzeugauswahl sind die Modelleisenbahner kreativ. Sogar Kaffeemühlen finden Verwendung, um Schotter für die Gleisbetten zu mahlen, den sie sonst teuer im Fachgeschäft erstehen müssten. Einige 100 Meter Gleise haben die Modelleisenbahner bereits verbaut. Selbst in dieser Hinsicht wird nah am Original gearbeitet, zum Beispiel sollten die Gleisbetten nicht glänzen, weshalb eine spezielle Mixtur aus Wasser, Fit und Holzleim verwendet wird.

Eigentlich wirkt die Anlage schon ziemlich vollendet. Doch fertig wird sie wohl nie werden. Denn wenn die Grundlage vorhanden ist, arbeiten die Bastler an den Feinheiten weiter oder gestalten neu. In der Anlage kann sich der Betrachter regelrecht verlieren. Denn immer neue Details werden sichtbar, da liegen auf der Weide einer Kuhherde sogar Kuhfladen. Wichtig ist den Modelleisenbahnern, dass die Anlage natürlich wirkt, "dass es echt aussieht, wenn jemand ein Foto davon macht", erzählt Ingo Rosenthal.

"Und wir bauen dort, wo es keiner sieht", sagt er. "Schattenbahnhöfe", ergänzt Dirk Vorsatz geheimnisvoll. Die befinden sich in einem Nebenraum. "Früher sind die Züge in zwei großen Kreisen gefahren", berichtet der Bastler, der einst zu den Modelleisenbahnern kam, um sich Anregungen für die eigene Platte zu Hause zu holen, inzwischen aber schon seit etwa zehn Jahren bei den Modellbauern mitmacht.

"Als Kinder haben wir vor zischenden, dampfenden Loks gestanden, mit Rädern, die höher waren als wir selbst."

Uwe Pohl

An einer Wand zeichnet er mit dem Finger die umgebaute Streckenführung nach. Sie hat die Form eines Knochens. Und im Schattenbahnhof stehen bis zu elf Züge, die auf der Strecke fahren und sich gegenseitig ablösen. Auf diese Weise entsteht auf den sichtbaren Gleisbereichen viel Bewegung und Abwechslung. "Es dauert lange, bis man herausgefunden hat, welcher Zug als nächstes kommt", fährt Dirk Vorsatz fort.

Warum sich die Modelleisenbahner mit dem Hobby beschäftigen? "Es ist wie ein Virus. Und wenn man damit infiziert ist, dann ist man infiziert", sagt Joachim Müller schwärmend. "Als Kinder haben wir vor zischenden, dampfenden Loks gestanden, mit Rädern, die höher waren als wir selbst. Heute gibt es das nicht mehr, und dann machen wir das hier", ergänzt Uwe Pohl.

Helmut Zinter ist ein ganz neues Vereinsmitglied. Seit 1.Dezember ist er offiziell dabei. Zu Hause hat er auch eine Modelleisenbahnplatte. Im Verein möchte er Erfahrung sammeln und sich mit Gleichgesinnten austauschen sowie Gemeinschaft erfahren.

Ingo Rosenthal erfreut sich nicht nur selbst an der Anlage: "Wenn man die Anlage jemandem zeigt, und dann die Augen groß werden, und so ein Strahlen kommt, dann ist das schön." Er möchte auch anderen eine Freude bereiten.

Neben der fest installierten Modell-Welt in der Lessing-Grundschule werkeln die Bastler auch an Modulen. Das sind kleine Modelleisenbahnplatten, die sie ausstellen. Im Rahmen des Nysmarktes haben die Modelleisenbahner solche Module präsentiert, auch beim Weihnachtsmarkt waren sie an drei Wochenenden zugegen. Und auch die Anlage in der Lessing-Grundschule wird immer mal wieder für Besucher geöffnet.

Bevor sie allerdings die Züge auf die Gleise setzen, wird ordentlich poliert, auch das Gleisbett. Dann fahren die Modelleisenbahner etwa zwei bis drei Stunden, und das an zwei Tagen hintereinander, mit Reinigungszügen über die Gleise. Faszinierend, denn in die Waggons, die dann über die Schienen rollen, sind zum Beispiel winzige Staubsauger oder rotierende Filzbürsten integriert, so dass das Schienenbett anschließend blitzsauber ist. Das ist wichtig, damit die empfindliche, häufig sehr kostspielige Technik nicht durch Schmutz beschädigt wird.

In diesem Jahr wollen sie sich an einer Modelleisenbahn-Ausstellung in Wittenberge beteiligen. Dort haben die Salzwedeler Dampflokfreunde ihr Domizil bezogen. Was bei den Salzwedeler Modelleisenbahnern im Maßstab H0, also 1:87, zu sehen ist, kann dort auch im Original bestaunt werden. Befreundete Modelleisenbahner haben die Salzwedeler in Lüchow-Dannenberg, in Ludwigslust, in Bad Bodenteich, in Nienburg/Weser und in Salzgitter. In Bad Bodenteich soll es 2015 wieder eine gemeinsame Ausstellung geben. Das Hobby verbindet eben.

Im nächsten Jahr besteht der Verein seit 30 Jahren. Ob dazu etwas besonderes geplant ist, will Ingo Rosenthal noch nicht verraten. Am Freitag bleibt für die Modelleisenbahner dann noch etwas Zeit zum Fachsimpeln. Außerdem stimmen sie ab, wer am Montag mit wem nach Hamburg fährt. Ausflüge gehören nämlich auch zum Vereinsleben. Dass sich die Modelleisenbahner die Miniaturwelten in Hamburg als Ziel ausgesucht haben, wundert nicht.

Weitere Informationen unter www.modelleisenbahnclub-salzwedel.de

   

Bilder