Wie hoch wird das Wasser steigen? Diese Frage beschäftigte gestern die Einwohner der Dörfer in der Tangerniederung. Tausende Säcke wurden gefüllt und verbaut und im Wildpark Weißewarte das Krisenszenario durchgesprochen. Etliche Pumpen laufen bereits Tag und Nacht. Die Region ist vorbereitet. Aber: "Jedes Hochwasser ist anders", sagt Detlef Radtke, Bürgermeister von Weißewarte und Landtagsabgeordneter (CDU) mit Blick auf die Fluten von 2002 und 2006.

Stendal. "Schlimm für die, die jetzt Wasser haben. Wir werden trocken bleiben." Nachdenklich schaut Horst Bartky auf die geflutete Tangermünder Hafenpromenade. Etliche Hochwasser hat der gebürtige 79-jährige Tangermünder erlebt. Durchaus gelassen geht er mit dieser Naturgewalt um. Nur über eines wundert er sich, über die vielen Hochwassertouristen, die bereits am Wochenende die Kaiserstadt bevölkert haben. "Müssten die dafür Eintritt bezahlen, hätten wir das Geld für die Deichläufer zusammen", sagte ein älterer Mann im Vorbeigehen. 9.30 Uhr. Die Elbe steigt unaufhörlich, nähert sich der 7-Meter-Marke.

Zur gleichen Zeit werden in Demker und Weißewarte hunderte Sandsäcke gefüllt, während in Elversdorf die Bewohner des letzten Hauses zur Elbe hin gelassen die Post entgegennehmen. Ein Damm, nach der Jahrhundertflut von 2002 errichtet, schützt Elversdorf.

Anders ist es in Demker. Die Pläne für den Deich sind fertig, nur gebaut ist er nicht. "Auf Platz 30 der Prioritätenliste des Landes soll er stehen", sagt Detlef Radtke. Augenränder zeichnen sein Gesicht. Der Bürgermeister von Weißewarte ist seit Tagen im Hochwassereinsatz. Und er wird es die nächsten Tage bleiben. "Die Landtagstermine habe ich abgesagt, den Besuch der Grünen Woche in Berlin auch", sagt der Abgeordnete und Landwirt. Gerade der Wildpark mit seinen 400 Tieren bereite ihm Sorgen. Auch wenn nach der Flut von 2002 die Gemeinde einen Erdwall an der gefährdetsten Stelle und Fluchtinseln in den Gehegen aufgeschüttet hat. Noch gibt es Lücken und das Wasser steigt unaufhörlich. "Ich kann nicht mehr ruhig schlafen", räumt Wildpark-Leiterin Annette Friedebold ehrlich ein.

Mehr als zwei Dutzend Helfer sind im Dauereinsatz, unter anderem Kameraden der Tangerhütter Feuerwehr. "2000 Sandsäcke werden wir heute verbauen, dann müsste es gehen", sagt Vize-Wehrleiter Hans-Joachim Schulze.

Was ist anders als 2002? "Wir sind besser vorbereitet, wir haben früher angefangen", sagt Eckhard Schulz, Ortswehrleiter von Demker. An den kritischen Punkten seien die Sandsäcke bis zu 50 Zentimeter höher aufgetürmt als der erwartete Hochwasser-Scheitel von 7,10 Meter. "Das müsste reichen", lautet die Prognose von Schulz gegen Mittag. Aber noch weiß es keiner genau.

In Demker hatte die Feuerwehr bereits am Dienstagabend einen kleinen Notdeich am Ortseingang errichtet. Der Graben, der mitten durch den Ort verläuft, ist seit Tagen abgedichtet. "Alles halb so schlimm. Hochwasser hatten wir hier immer wieder", sagt Mario Henze von der Demker Feuerwehr. Er verweist darauf, dass der Tanger seine Fließrichtung geändert hat. Er strömt Richtung Quelle. Elbewasser drückt rein. Auch deshalb bereiten sich einige auf das Schlimmste vor. Ein Neu-Demkeraner, ein Niedersachse, füllt Sandsäcke, die im Fall des Falles sein Haus schützen sollen. Strom, Wasser, Abwasser – noch funktioniert alles. "Mal sehen wie lange", sagt der junge Mann.

"Alles kein Problem, auch wenn das Wasser Oberkante Unterlippe steht." Aus dem sicheren zweiten Obergeschoss verfolgt René Hampe das Winterhochwasser. Noch ist nach 12 Uhr das Lagerhaus der Kaiser-Schäfer GmbH am Tangermünder Hafen nicht geflutet. Ein Zentimeter Luft. "Da kommt nicht mehr viel", glaubt der Niederlassungsleiter. Die Waren sind bereits in den Regalen nach oben geräumt, Sandsäcke liegen bereit. René Hampe ist hochwassererfahren. Nur einen Pullover mehr muss er anziehen. Die Heizung im Keller hat ihren Dienst eingestellt – abgesoffen.

Damit das mit dem altehrwürdigen Getreidesilo nicht passiert, schaut Bernd-Uwe Wickert jetzt jeden Tag mehrfach nach dem Rechten. "Ich kontrolliere, ob die Pumpen laufen", erklärt der Bereichsleiter der Magdeburger Getreide GmbH, während er die Watthose auszieht. Der Hof zum Silo steht bereits kniehoch unter Wasser. Passieren kann eigentlich nichts. Denn seit fünf, sechs Jahren werde das alte Silo nicht genutzt. Doch das Gemäuer soll nicht unter Hochwasser leiden. Deswegen laufen bereits seit drei Tagen die Pumpen. Wie lange noch, das konnte gestern keiner sagen.

 

Bilder