Die bei den Grabenberäumungen und der Straßenmahd anfallende Biomasse soll in der Altmark künftig in Strom und Wärme umgewandelt werden. Die Salzwedeler Firma Krampitz will bis Ende März einen neuartigen Bioreaktor bauen. In der Region Seehausen soll die Biomasse gewonnen werden. Gestern gründete sich in Salzwedel eine Initiativgruppe, die den Strategiewechsel von Biomassevermeidung zur Biomassemaximierung aus kommunalen Pflegearbeiten voranbringen soll.

Salzwedel. Das könnte ein großer Wurf der Bioenergieregion Altmark werden. Ein Wurf, der gut zwei Jahre Vorbereitungszeit benötigt hat. Das anfallende Grün bei der Beräumung von Gräben oder bei der Mahd der Seitenstreifen entlang der Straßen soll energetisch genutzt werden – in Biogasanlagen. Biomasse, die bislang ungenutzt blieb. Die Diskussion über eine "Vermaisung" der Landschaft beziehungsweise über die Konkurrenz von "Licht und Teller" durch Biogasanlagen könnte damit einen Dämpfer erhalten. Und: Kommunale Kassen, aber auch die sieben Gewässer-Unterhaltungsverbände in der Altmark würden davon profitieren. Das ist gestern während einer Konferenz in Salzwedel deutlich geworden.

Das bislang ungenutzte Potenzial in der Altmark ist durchaus beachtlich. Theoretisch fallen jährlich rund 108 000 Tonnen Biomasse bei der Beräumung der 8139 Kilometer Fließgewässer und bei der Mahd entlang der rund 2000 Kilometer Bundes-, Landes- und Kreisstraßen an. Hinzu kommen 753 Tonnen Grünschnitt bei der Pflege kommunaler Grünflächen in Stendal, Salzwedel und Gardelegen. Diese Zahlen präsentierte Hartmut Röder von der Berliner KKU Standortentwicklung GmbH. Sie sind das Ergebnis einer aufwändigen Studie zu den bislang ungenutzten Biomassepotenzialen in der Altmark. Etwa 70 Prozent dieser Biomasse könnte energetisch genutzt werden, so Röder.

Doch können Wasserpflanzen oder das Gras der Straßenränder einfach so in Biogasanlagen in Strom und Wärme umgewandelt werden? Durchaus, betonte Dr. Michael Strecker von der ARES Consultants GbR vor rund 80 Zuhörern. Er stellte das RuminoTec-Verfahren vor. Während konventionelle Biogasanlagen, die Gülle oder Mais verarbeiten, nach der Biologie des Dickdarms funktionieren, ist dieses Verfahren vom Prinzip nichts anderes als die "eiserne Kuh" mit Pansen, Netz-, Blätter- und Labmagen. Pansenbakterien verwandeln in dieser "Kuh" sogar Laub in Fettsäuren und damit am Ende zu Methan, dem Brennstoff von Biogasanlagen. Der Vorteil des neuen Verfahrens sei die Geschwindigkeit, mit der der Bioreaktor die Cellulose aufschließt, so Strecker.

Gemeinsam mit dem Salzwedeler Unternehmen Krampitz Tanksystem GmbH wird derzeit an einer Modellanlage auf Grundlage eines 20-Fuß-Containers – 6,25 Meter hoch, 2,5 Meter breit und 2,5 Meter lang – gearbeitet. Im ersten Quartal soll die 20-Kubikmeter-Anlage fertig sein. Bestückt werden soll sie mit kommunalem Grünschnitt aus Seehausen. Bis zu 5000 Tonnen könnte laut Röder in diesem Jahr geliefert werden, 2013 könnten es schon bis zu 16 000 Tonnen sein. Seehausen ist nicht umsonst gewählt. Im Rahmen des EU-Projektes "Rubires" (rural biological resources – ländliche natürliche Ressourcen) ist das kommunale Biomassepotenzial für die Verbandsgemeinde genau ermittelt worden. Zudem gibt es eine Studie, die zeigt, wie das erzeugte Biogas genutzt werden kann.

Deutlich wurde gestern auch, dass noch Hürden auf dem Weg bis zum Strategiewechsel zu nehmen sind. So muss die Wirtschaftlichkeit aufgezeigt werden und sind Verordnungen zu ändern. Immerhin: In der Initiativgruppe arbeiten nicht nur die Landräte Michael Ziche und Jörg Hellmuth mit. Staatssekretär Jürgen Stadelmann sicherte die Unterstützung des Umweltministeriums zu. Peter Ebneter vom Landesbetrieb Bau Nord, zuständig für die rund 1000 Kilometer Bundes- und Landesstraßen, sitzt neben anderen Akteuren ebenfalls mit im Boot.

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