Vor Salzwedeler Supermärkten tauchen derzeit Händler auf, die eine falsche Obdachlosen-zeitung verkaufen. Mit dem Blatt wird keinem Bedürftigen geholfen.

Salzwedel l Zwei Männer nutzen derzeit in Salzwedel offenbar die Gutmütigkeit vieler Menschen aus, indem sie für 1,50 Euro eine Zeitung verkaufen. "Man nimmt ihnen ohne Weiteres ab, dass sie Obdachlose sind", erklärt Marion Giese, Leiterin der Aldi-Filiale Schillerstraße, die einen der Männer vor dem Markt gesehen hat. Doch der Erlös der Zeitschrift "Straßenträumer", die die Männer vor Supermärkten verkaufen, kommt keinesfalls Bedürftigen zugute, die auf der Straße leben. Herausgeber des Blattes ist laut Impressum die Imbrogno Publikation UG aus Darmstadt. Der Geschäftsführer des Unternehmens ist Gino Imbrogno. Er beteuert im Gespräch mit der Volksstimme, dass die Firma die Zeitungen dem Verein Straßenträumer zur Verfügung stelle. Der Verein finanziere damit eine Suppenküche und Kleiderkammer. Dass es diese Einrichtungen gibt, ist zu bezweifeln. Im Internet gibt es keinen Eintrag zu einer Straßenträumer-Suppenküche oder -Kleiderkammer. Sucht man im Netz nach ähnlichen Einrichtungen in Salzwedel, gibt es bei Suchmaschinen sofort mehrere Treffer. Einen weiterer Fakt, der gegen die Seriosität des Blattes spricht, liefert Gino Imbrogno selbst. Das Konzept vieler Obdachlosenzeitungen funktioniert so: Obdachlose verkaufen die Zeitungen und erhalten einen Teil des Geldes als Gehalt. Ein weiterer Teil wird an gemeinnützige Vereine und Einrichtungen gespendet. Mit dem Rest werden Produktionskosten gedeckt.

Vertrieb ist andernorts verboten

"Unsere Zeitung kann jeder kaufen und weiterverkaufen", sagt Imbrogno am Telefon. Die Ruhrnachrichten bekamen in Dortmund die Stellungnahme eines der Verkäufer und fanden heraus, dass der Mann ausschließlich für den Job nach Deutschland geholt wurde und statt auf der Straße in einer Wohnung lebte.

Das Geschäftsmodell hatte bereits Konsequenz für den Herausgeber. In Rheinland-Pfalz wurde der Vertrieb des Blattes untersagt. "Wir gehen dagegen gerichtlich vor", entgegnet Gino Imbrogno.

Da der Verkauf in Sachsen-Anhalt erlaubt ist, sollten Salzwedeler und Besucher der Hansestadt die Augen offen halten. Wie die Volksstimme herausfand, sind die Verkäufer Ende vergangener Woche erstmals aufgetaucht. Einer der beiden ist laut Passantenaussagen klein und hager, der andere klein und kräftig. Beide hätten ein südost-europäisches Aussehen. Bestätigte Sichtungen der Zeitungshändler gibt es vom Aldi an der Schillerstraße, der Altmarkpassage und am Netto-Markt beim Bahnhof. "Der Mann ist zu unterschiedlichen Zeiten da. Gegenüber den Kunden ist er aufdringlich", erklärt Marion Giese.