Seit 1991 ist der 22. März der Tag der Kriminalitätsopfer. Für die Betreuung von Betroffenen gibt es viele Beratungsstellen. Eine davon ist die Mobile Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt.

Von Melanie Mielke

Salzwedel l Musa (Name geändert) hat Angst. Der junge Mann musste aus seiner Heimat fliehen, weil dort Krieg herrscht. Bereits mehrfach wurde er an seinem neuen Wohnort von Fremdenfeindlichen massiv bedroht und angegriffen. Beim jüngsten Übergriff wurde er von Rassisten derart angegangen, dass er um sein Leben fürchten musste. Er will weg, raus aus der Stadt, in der er nicht gewollt ist, in der sein Leben in Gefahr ist. Aber er darf nicht.

Als Flüchtling mit Duldungsstatus darf er nicht selber über einen Wohnortwechsel entscheiden. Er leidet unter Schlaflosigkeit und Angstzuständen. Schließlich findet er eine Anwältin, die ihn unterstützt und dafür sorgt, dass er umziehen darf. Er zieht nach Berlin, macht dort eine Ausbildung und kann seinen Aufenthaltsstatus verbessern. Zwar hat er noch kein dauerhaftes Bleiberecht in Deutschland, aber er hat es zumindest geschafft, seiner akuten Bedrohungslage zu entkommen.

"Wir unterstützen auch bei der Bewältigung der Angriffsfolgen."

Hilfe bekam Musa vor allem durch die Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt. "Wir beraten und unterstützen die Opfer auf verschiedene Weise. Wir sind sozusagen die Lobby für Betroffene", erklärt Mitarbeiterin Hanne Schirrmacher. "Wir richten uns nach dem Bedarf und den Wünschen der Betroffenen und unterstützen sie bei der Bewältigung der Angriffsfolgen", erzählt sie weiter.

Die Betroffenen sollen wissen, dass sie nicht allein sind. Viele Opfer würden die Schuld bei sich suchen. Auch Angehörige von Angegriffenen oder Zeugen können sich in der Beratungsstelle melden. "Wenn beispielsweise ein junger Mann angegriffen wird, leiden die Eltern möglicherweise noch mehr darunter", weiß Hanne Schirrmacher.

Aufklärung gibt es auch im Hinblick auf Zeugenaussagen bei der Polizei und zum Ablauf eines Strafverfahrens. "Es kommt vor, dass Betroffene eine Strafverfolgung der Täter wünschen, aber aus Angst vor Rache nicht zur Polizei gehen wollen", erzählt Hanne Schirrmacher. Dann versuchen die Mitarbeiter der Beratungsstelle im Gespräch herauszufinden inwieweit diese Angst berechtigt ist. Aber niemand werde zu einer Anzeige gedrängt. Eine erfolgte Verurteilung der Täter kann aber auch eine Stärkung des Selbstbewusstseins bewirken. "Bei der Bewertung der Angriffe sind dann Fragen entscheidend, wie: Geschah der Angriff von einem Einzeltäter oder aus einer Gruppe heraus? Kannten sich Täter und Opfer?", erläutert Schirrmacher. Es besteht auch die Möglichkeit, die Adresse in der Ermittlungsakte zu schwärzen, sodass die Täter sie bei der Akteneinsicht nicht lesen können.

Aber nicht nur Angegriffene, auch Zeugen haben die Möglichkeit, das Angebot der Mobilen Opferberatung anzunehmen. Überhaupt hält Schirrmacher es für wichtig, sich bei Übergriffen einzumischen, aber "nur soweit der gesunde Menschenverstand es zulässt. Auch eine gute Zeugenaussage kann hilfreich sein". Nicht alle Betroffenen kämen von selbst zur Mobilen Opferberatung. "Auf viele Fälle stoßen wir nur durch Mundpropaganda", berichtet Hanne Schirrmacher.

Es sei schon vorgekommen, dass sich ein vermeintlich erster rechter Angriff als letzter in einer langen Reihe herausgestellt habe. "Oder aber es war der erste Angriff, aber ihm gingen schon länger Bedrohungen voraus, die keiner ernst genommen hat", erzählt Hanne Schirrmacher. In diesem Zusammenhang würde sie sich von Polizei und Gerichten mehr Aufmerksamkeit für das Motiv wünschen. "Wenn rassistische Beleidigungen fallen, kann man nicht mehr von einer `Auseinandersetzung zwischen Jugendlichen` sprechen."

"Rassismus ist kein auf Salzwedel beschränktes Problem."

Aus diesem Grund legt die Mobile Opferberatung sehr viel Wert auf Öffentlichkeitsarbeit. "Wir wollen die Perspektive der Betroffenen von Rassismus und rechter Gewalt sichtbar machen und damit auch Veränderungen bewirken", meint Hanne Schirrmacher. Aber sie findet es besonders wichtig, dass überhaupt etwas getan wird, schließlich seien "Rassismus und Neonazismus keine auf Salzwedel oder Ostdeutschland beschränkten Probleme". Rechtsextremismus dürfe auf keinen Fall vertuscht, bagatellisiert oder totgeschwiegen werden. Denn: "Stillschweigen ist die beste Unterstützung für rechte Umtriebe".