In der Salzwedeler Katharinenkirche haben in dieser Woche die Arbeiten zur Rettung des Bauwerks begonnen. Seit anderthalb Jahren ist der Westvorbau wegen Einsturzgefahr gesperrt. Die instabilen Fundamente sollen nun durch Stahlnadeln stabilisiert und das Gotteshaus zusätzlich durch 150 Betonsäulen gestützt werden. Die Kosten belaufen sich auf rund 580 000 Euro.

Salzwedel. "Die Rettungsarbeiten sind angelaufen", verkündete gestern Gemeindekirchenratsvorsitzender Dr. Frieder Oßwald sichtbar erleichtert. Nachdem vorbereitende Maßnahmen wie die Baugrunduntersuchung und das Freilegen der Fundamente erledigt sind, geht es nun ans Eingemachte. In den nächsten Monaten wollen Spezialfirmen die Ende des 15. Jahrhunderts an die Kirche angebaute Fronleichnamskapelle derart auf feste Füße stellen, dass die Einsturzgefahr gebannt ist.

"Ich bin froh, dass wir mit dem HDI-Verfahren ein Konzept dafür haben", sagte Dr. Oßwald. HDI steht für Hochdruckinjektion. Dirk Essing, Oberbauleiter der niedersächsischen Keller Grundbau GmbH Dorfmark, erläuterte, dass seine Firma als erste in Europa diese aus Japan stammende Technik angewandt hatte. Unter anderem ist dadurch der Turm des Brandenburger Doms gerettet worden. Geplant sei, per Hochdruckwasserstrahl (200 Meter pro Sekunde) Löcher in den Baugrund unter der Westhalle von St. Katharinen zu treiben. Und zwar jeweils 6,50 Meter tief. Denn erst in diesem Bereich gibt es einen tragfähigen Untergrund, erklärte Architekt Jan Bodenstein aus Seehausen. Die Löcher werden mit Zement verfüllt, so dass letztlich Betonsäulen mit einem Durchmesser von jeweils 1,20 Meter den Westvorbau stützen werden.

Die eigentlichen Fundamente sind äußerst bescheiden. Es ist fast unglaublich, dass sie die Lasten über mehrere Jahrhunderte gehalten haben. Laut Jan Bodenstein bestehen die Fundamente aus lose aufgeschütteten Feldsteinen, die einen Meter tief in nicht tragfähigem Untergrund liegen. Deshalb solle das HDI-Verfahren helfen, die vertikalen Lasten dauerhaft zu stemmen.

Die eklatanten Schwächen des Bauwerks waren aber vor allem durch das Wirken horizontaler Lasten zu Tage getreten. Im extrem kalten Januar 2009 war einer der schmiedeeisernen Zuganker gerissen, die die Westwand an den Kirchenhauptbau ketten. Die auf den anderen Ankern liegenden Kräfte vervielfachten sich. Seitdem droht der Einsturz. Eine weiträumige Absperrung machte sich notwendig. Das Südportal dient seitdem als Haupteingang. Die Mittelsäulen in der Fronleichnamskapelle neigen sich durch die vom Gewölbe ausgehenden Horizontalkräfte ebenso gen Westen wie die Westwand. In die Senkrechte sind sie nicht mehr zu versetzen. "Wir werden den jetzigen Zustand ,einfrieren‘", kündigte der Architekt an. Auf welche Weise dies gelingen soll, müsse noch entschieden werden. So käme unter anderem ein neues Ankersystem in Frage. "Vielleicht sind wir auch tapfer und machen gar nichts", überlegte Jan Bodenstein, ob die Stabilisierungsmaßnahmen im Boden eventuell ausreichen könnten.

Dr. Frieder Oßwald schätzte die Kosten gestern auf 580 000 Euro – deutlich mehr als die zunächst veranschlagten 268 000 Euro. Ein Statikgutachten hatte ergeben, dass erheblich mehr Betonsäulen gesetzt werden müssen als ursprünglich angenommen. Doch die Finanzierung stehe trotz des Kostensprungs, auch wegen der vielen Spender aus Salzwedel und ganz Deutschland, bedankte sich der Gemeindekirchenratsvorsitzende. Er hofft darauf, dass die Sicherungsarbeiten im Sommer beendet sein werden und ab 2012 die Abiturienten des Jahngymnasiums wieder durch die Hauptpforte zu ihrer Entlassungsfeier schreiten können.