Immer wieder gelang es Menschen, die innerdeutsche Grenze zu überwinden. Denen, die über die Elbe flohen, ist in Hitzacker eine Ausstellung gewidmet. Sie enthält spannende Geschichten. Nicht alle gehen glücklich aus.

Hitzacker l "Wer als junger Mensch schon die Flucht aus Ostpreußen und Pommern hinter sich gebracht hat, der traut sich offenbar zu, ein weiteres Mal alles hinter sich zu lassen auf der Suche nach dem Glück." Klaus Launus ist 32 Jahre alt, als er mit seiner Frau Anni (34) den Entschluss fasst, das zur zweiten Heimat gewordene Privelack an der Elbe wieder zu verlassen. Aber sie sind da längst nicht mehr allein: Sie haben sieben Kinder, für die sie eine bessere Zukunft wollen, ein Leben in Freiheit.

Vater und Mutter haben Arbeit in der Landwirtschaft, halten sich aber aus "gesellschaftlicher Arbeit" heraus. Sie leben direkt am Deich im ehemaligen Haus der Familie Harms, die 1952 zwangsausgesiedelt wurde. In der Silvesternacht 1969/1970 verschwindet die Familie Launus für immer aus dem Sperrgebiet, aus dem 500-Meter-Schutzstreifen, aus der DDR. Es ist der kälteste Dezember des Jahrhunderts, die Elbe führt Packeis. Sie haben ihren Fernseher und das Motorrad und die Hühner rechtzeitig vorher verkauft. Die Kinder Meinhard, Renate, Annegret, Adelheid, Evelin und Andrea, die erst zwei Jahre alt ist, sind noch am Nachmittag auf dem Deich Schlitten gefahren. Der zehnjährige Klaus bleibt bei Oma im nahen Pinnau. Sie lassen Licht in der Küche brennen und schleichen sich aus der Hintertür. Mit langen Stöcken sichern sie ihren Weg übers Eis. Der "schwere ungesetzliche Grenzübertritt" hat Folgen für den Grenzkompaniechef: Er habe die Lage an der vereisten Elbe falsch eingeschätzt, seine Untergebenen ungenügend ausgebildet, er müsse "an der Überwindung seiner Charaktereigenschaften arbeiten". Ihm wird Schuld an der Flucht zugewiesen. "Launus hatte keine feste Bindung zur DDR", heißt es später in den Akten von Stasi und Grenzpolizei. Die achtköpfige Familie kommt bei Schwestern in Westfalen unter, Klaus findet sofort Arbeit in einer Fabrik. Sie werden im Rheinland ansässig, an Deutschlands westlichster Grenze."

Dies ist eine der spannenden Fluchtgeschichten, die aktuell im Museum Altes Zollhaus in Hitzacker nacherzählt werden. Zusammengetragen und aufgeschrieben haben sie die Journalistin Karin Toben und Museumsleiter Klaus Lehmann. Die Journalistin aus Rassau am Elbdeich hat 18 Biografien für die aktuelle Ausstellung "Flucht über die Elbe" dokumentiert, hat sich die Vor- und Nachgeschichten zu den teilweise spektakulären Fluchten erzählen lassen.

Wie Lehmann berichtet, haben er und Karin Toben "ungezählte Stunden" im Schweriner Stasi-Archiv verbracht. Die mühselige Hintergrund-Recherche hat einige dramatische Daten ergeben: Vier Flüchtlinge seien in der Elbe zwischen Neu Darchau und Strachau ertrunken. Entlang der gesamten Elbgrenze sind 15 Menschen auf der Flucht ums Leben gekommen. Schätzungen zufolge hätten von 1946 bis 1961, dem Jahr des Mauerbaus, rund drei Millionen Menschen die DDR verlassen. Nach 1961 seien es mindestens 100000 gewesen.

75000 Bürger waren wegen geplanter Republikflucht in der DDR inhaftiert worden. Auch Zeitzeugen waren zur Eröffnung gekommen, so auch Evelin Wahl, die als Vierjährige mit ihrer Familie geflohen war. Heute hat sie mit ihren Schwestern die Schrecken der Flucht überwunden. Auf einem Foto in der Ausstellung sind sie zu sehen - Annegret, Adelheid, Evelin, Andrea und Nicole - wie sie Jahrzehnte später lauthals lachen.

Die Ausstellung ist bis Mitte August dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

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