Das Berufsleben von Ursula Paul ist zu Ende. Für die Leiterin der Salzwedeler Tourist-Information, die am Sonntag ihren 59. Geburtstag feierte, beginnt in der nächsten Woche die Ruhephase der Altersteilzeit. Ein Gang in den Ruhestand wird es für die waschechte Salzwedelerin aber gewiss nicht. Sie will sich für Kultur- und Tourismusförderung in ihrer geliebten Heimat- stadt weiter engagieren.

Salzwedel. Mitarbeiter aus Stadtverwaltung, Bürgermeisterin Sabine Danicke und die Kollegen aus dem KulTour-Eigenbetrieb haben Ursula Paul am Montag im Kulturhaus einen "wunderbaren Abschied" bereitet. Obwohl Abschied nicht das passende Wort ist. "Wir haben sie nur in einen anderen Aggregatzustand übergeleitet, der mit dem Wort Ruhe schlecht zu beschreiben ist", sagt ihr Noch-Chef Joachim Mikolajczyk mit einem Schmunzeln und ergänzt: "Wir rechnen weiter voll mit ihr als Ehrenamtliche."

Und wer Ursula Paul zuhört, mag auch nicht glauben, dass für sie jetzt der Ruhestand beginnt. "Wir wollen Kindergeburtstage mit Stadtgeschichte verbinden", blickt sie auf ein Angebot voraus, das die Tourist-Information ab 2012 Familien unterbreiten möchte. Ein Kindergeburtstag zwischen Turmbesteigung und Eisbecher, nicht in einem Fast-Food-Restaurant: Ursula Paul ist überzeugt davon, dass dieses Konzept aufgeht – genauso wie die Stadtrallyes, die seit ihrer Einführung vor zwei Jahren auf großes Interesse stoßen.

Interesse für alle Facetten der Kultur hatte Ursula Paul schon "zu tiefsten DDR-Zeiten". In Salzwedel geboren und aufgewachsen, schlug sie zunächst aber eine berufliche Laufbahn im pädagogischen Bereich ein. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krippenerzieherin, arbeitete danach sechs Jahre im Kinderheim Brewitz und begann parallel ein fünfjähriges Fernstudium als Heim- und Horterzieherin mit Lernbefähigung. Zwölf Jahre lang war Ursula Paul anschließend an Schulen in ihrer Heimatstadt tätig, ehe sie 1988 dem Lockruf der Kultur folgte – als kulturpolitische Mitarbeiterin im Kulturhaus.

"Spätestens im Herbst 1989 war uns allen klar, dass ein Umbruch bevorsteht, auch in der Kulturszene", blickt sie zurück. In Salzwedel gelang die kulturelle Wende recht schnell. "Weil wir zeitig Kontakt zu Tourismusfachleuten aus dem Westen aufgenommen hatten", berichtet Joachim Mikolajczyk. Die Studentin Andrea Finger aus Stöckheim habe damals den Kontakt zu Professor Wolfgang Nahrstedt von der Universität Bielefeld hergestellt. "Er wies uns damals den Weg", ist Ursula Paul rückblickend dankbar für die Aufbauhilfe. Sie wagte sich ins Abenteuer, federführend den Tourismus in der Baumkuchenstadt aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. "Ich hatte Lust am Organisieren, keine Angst vor Veränderungen und reiste schon zu DDR-Zeiten gern im Rahmen der Möglichkeiten." Ursula Paul war prädestiniert für die Stelle als Leiterin der neuen Tourist-Information, für sie "ein glücklicher Zufall". Heute sei sie sehr froh, vor 20 Jahren diese Herausforderung angenommen zu haben. Eine ihrer ersten Amtshandlungen war die Beseitigung der "schrecklichen DDR-Gardinen" aus dem Schaufenster des damals ersten Domizils in der Neuperverstraße 32, dem heutigen Volksstimme-Sitz. Den von der DDR-Werbegesellschaft DEWAG übernommenen Kollegen musste sie klarmachen, dass zu Tourismuswerbung auch ein offenes, freundliches Schaufenster gehört. Als Quereinsteigerin in die Branche habe sie zahlreiche Weiterbildungen besuchen müssen, die letzte zum Qualitätscoach im Jahr 2003. "Da habe ich mir geschworen, das ist die allerletzte Prüfung in meinem Leben", sagt sie lächelnd.

Größte Herausforderung in den 20 Jahren als Leiterin der Tourist-Information – "ein Drittel meines Lebens" – sei der Internationale Hansetag 2008 gewesen. "Wir haben 1300 Besucher handverlesen in Quartieren untergebracht", erinnert sie sich trotz des gewaltigen Arbeitspensums gern an diesen Höhepunkt in der Stadtgeschichte zurück. Auch wenn sie von dem Fest selbst kaum etwas mitbekommen habe. "Als Touristiker muss man geboren sein", sagt sie über ihren Job, der nicht mit dem Verlassen des Büros ende, sondern für den man im Prinzip 365 Tage im Jahr lebe.

Ursula Paul sieht das Feld, das sie hinterlässt, gut bestellt. "Die Tourist-Information arbeitet grundsolide und professionell. Wir haben unseren Gästen nie etwas versprochen, was wir nicht halten konnten." Für diesen Anspruch habe sie des Öfteren auch mal Nein zu manchen Ideen sagen müssen. Ihren nun bald ehemaligen Kollegen will sie weiterhin mit Rat und Tat zur Seite stehen.

"Ich habe ein erfülltes Leben hinter mir und ich denke, das neue wird genauso", glaubt die 59-Jährige. Die Mutter eines erwachsenes Sohnes, die mit ihrem Lebensgefährten – natürlich – in Salzwedel wohnt, liebt Jazz, Literatur, die bildenden Künste, möchte noch mehr reisen, sich gern im geplanten Kunsthaus engagieren und einen Förderverein für die Bibliothek mitgründen.

Für "ihr geliebtes Salzwedel" hat Ursula Paul diesen Wunsch: "Ich hoffe, dass die Stadt lebendig bleibt und sich viele Menschen finden, die sich mit positiven Gedanken und Taten für ihre Entwicklung einsetzen. Denn Salzwedel braucht eine liebens- und lebenswerte Atmosphäre."