Arendsee l 252 Schüler hat die Theodor-Fontane-Sekundarschule. So viele werden ab September auch die Gemeinschaftsschule besuchen. Über Neuanfang und veränderte Struktur vor allem bei den Fünftklässlern sprach Helga Räßler für die Volksstimme mit Schulleiter Klaus-Dieter Leppin.

Volksstimme: Wann genau ist Start der neuen Gemeinschaftsschule?
Klaus-Dieter Leppin: Am 4. September geht es los, zumindest für die fünften Klassen. Die anderen fangen eine Woche später an. Aber die Vorbereitungen laufen natürlich schon jetzt auf Hochtouren.

Was ändert sich denn generell in der neuen Schulform?
Das vornweg: Wir haben dann zwei Formen: die bisherige Sekundarstufe, und zwar ab Klasse 6, und die neue Gemeinschaftsschule ab der 5. Klasse. Aber erst einmal sind die Klassen noch nicht vorher festgelegt. Der Unterricht läuft in Gruppen, die täglich neu festgelegt werden.

So wollen wir - und die Schüler - herausfinden, wer tatsächlich mit wem in einer Klasse zusammenpasst. Das richtet sich nach den Ergebnissen einer Analyse und der Auswertung der Kennenlern-Tage.

Was sind Kennenlern-Tage, wo und wie laufen sie ab?
Für drei Tage quartieren wir die Neueinsteiger mit ihren zukünftigen Klassenleiterinnen und weiteren Lehrern im Integrationsdorf ein. Hier werden Lerngruppen gebildet, die täglich wechseln, und das Zusammenarbeiten geprobt. Die Schüler werden kreativ tätig, indem sie Seife selbst herstellen, Malaktionen durchführen oder den Wald erkunden. Dabei sind jeweils gemeinsame Aufgaben zu lösen. Sie erarbeiten eine Zielvereinbarung, worin sie selbst, ihre Eltern und natürlich auch die Lehrer Aufgaben festschreiben.

Am Donnerstag geht es in die Turnhalle zum Anti-Aggressions-Training. Das leitet Sportlehrer Thomas Schlicke.

Was wird trainiert und warum?
Der Umgang miteinander, gegenseitige Achtung, Respekt, gewaltfreie Kommunikation - das sind alles Voraussetzungen zum gemeinsamen Lernen und Leben. Wir wollen damit das Erwerben von Sozialkompetenz und Konfliktlösekompetenz fördern und entwickeln.

Gibt es dann irgendwann auch Unterrichtsstunden?
Natürlich, die beginnen am Freitag, und zwar in zwei fünften Klassen.

Sagten Sie nicht Gruppen?
Richtig, aber nach der Kennenlern-Zeit bilden wir Klassen, jede hat ihre Lehrerin, die aber auch gleichzeitig Ansprechpartnerin für die jeweils andere Klasse ist. Das sind Anke Langkau und Katrin Kleemeier. Wenn ein Schüler also ein Problem hat, kann er zu dem Pädagogen seiner Wahl gehen. Das ist ein Beispiel dafür, dass wir noch mehr auf unsere Schüler, ihre Befindlichkeiten, Bedürfnisse und Interessen eingehen.

Zwei Lehrer für 36 Schüler?
Nein, es sind insgesamt sieben Lehrer, die das Team 5 bilden. Sie unterrichten auch fachfremd, damit die Schüler es mit so wenigen Lehrern zu tun haben wie nötig. Und diese können sich dann wesentlich schneller über ihre Schüler austauschen, auf Probleme reagieren sowie Talente fördern.

Noch eine Neuerung ist der Morgenkreis, was ist das?
Den Morgenkreis kennen die Fünftklässler schon von der Grundschule. Wir führen das weiter. Hier sprechen die Kinder vor ihren Altersgefährten zu den verschiedensten Themen wie Hobbys, Freuden, Familie oder Freunde. Und zwar frei, das heißt wir fördern das freie Sprechen vor anderen. Das steigert die Sprachfertigkeit und das Selbstbewusstsein.

Das ist viel Freiraum. Wird auch gefordert?
Ohne konkrete Forderungen geht es nicht. Das fängt bei der ordentlichen Heftführung und vollständigen Lernutensilien an und endet bei der Einhaltung von Normen und Regeln. Innerhalb dieser ist selbstverständlich viel Freiraum, der zur Individuallösung von Problemen genutzt wird oder für Gruppenarbeit.

Wie lange läuft diese Art Schule so weiter?
Bis zur 8. Klasse, danach entscheiden die Schüler, ob sie bleiben und die 10. Klasse mit Realschul- oder erweitertem Realschulabschluss beenden oder ans Gymnasium wechseln. Wir haben dazu mit dem Jahn-Gymnasium in Salzwedel eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen. Ein Übergang zum Gymnasium ist auch am Ende der 5. bis 7. Klassen bei entsprechenden Ergebnissen möglich.

Was steht in der Vereinbarung?
Kurz gesagt ist es die Gestaltung einer nachhaltigen längerfristigen Zusammenarbeit beider Schulformen. So soll auch Schülern, die sich erst später fürs Gymnasium entscheiden, der Übergang erleichtert werden. Es wird einen regelmäßigen Informationsaustausch, Tage der offenen Tür und auch schulinterne Vergleichsarbeiten geben.

Was ist für Sie der Vorteil der Gemeinschafts- gegenüber der Sekundarschule?
Das ist ganz klar die Tatsache, dass die Mädchen und Jungen länger zusammen lernen. Dadurch entfällt eine frühzeitige Festlegung auf einen Bildungsgang beziehungsweise Abschluss. Außerdem können wir ihnen so besser eine grundlegende vertiefte Allgemeinbildung vermitteln. Und sie erleben in der Gemeinschaft die Vielfalt unterschiedlichster Stärken. Fähigkeiten und Begabungen werden durch Lernmotivation, konkrete Anerkennung der Fortschritte und moderne Unterrichtsformen gefördert. Nicht zu vergessen ist auch der wohnortnahe Unterricht.

Welche Rolle spielen die Eltern?
Wir streben eine vertrauensvolle Zusammenarbeit an, es wird individuelle Beratungsgespräche geben. Das heißt, dass die Eltern regelmäßig über das Lernverhalten, den Leistungsstand und das Auftreten ihres Kindes informiert werden. Auch werden wir sehr eng mit den Eltern zusammenarbeiten und gemeinsam für das Kind den bestmöglichen Erfolg sichern.

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