Kalbe l Die Blicke sind gespannt nach oben gerichtet. Während Bernd Weisbach seine Hebebühne an das Storchennest heransteuert und Biologin Ute Eggers und Beringer Mario Firla den Storchennachwuchs begutachten, wartet Michael Arens, Vorsitzender der Naturschutzgruppe Vienau, am Boden auf das Ergebnis. Fünf Eier hatte er am 10. Mai im Hagenauer Horst gezählt. Sind aus allen fünf Vögel geschlüpft?

Mario Firla hält zwei Finger in die Luft. Leider nur zwei Jungvögel. Trotzdem ein erfreuliches Ergebnis, denn vergangenes Jahr hatte es in Hagenau gar keinen Nachwuchs gegeben. Michael Arens notiert sich die Nummer des Plastikrings, den Mario Firla am linken Bein der Tiere befestigt hat. Die Ringe werden vom Vogelberingungszentrum auf Hiddensee ausgegeben, um das Zugverhalten der Weißstörche zu dokumentieren.

Michael Arens begleitet die Beringung im Altkreis Kalbe seit 30 Jahren. Dass es bei der Weißstorchbrut Verluste gibt, sei ganz normal, sagt der Naturschützer. Einige Eier würden nicht befruchtet. Manchmal würden die Altstörche die jüngsten und schwächsten Küken aus dem Nest werfen, wenn beispielsweise nicht genug Futter vorhanden ist.

In diesem Jahr seien die Verluste jedoch heftig, fasst Michael Arens zusammen. Zwar wurden 28 Brutpaare gezählt mit 107 Eiern (2013 waren es nur 89 Eier), doch letztendlich sind es 50 Jungvögel (2013: 43). Woran das liegt, kann Arens nur vermuten. Beispielsweise hätten die Altstörche in Butterhorst und Kremkau alle Eier aus dem Nest geworfen. Aber auch die heftigen Unwetter hätten ihren Teil dazu beigetragen, wie es in Vahrholz und Baars der Fall gewesen war.

Erstmals wieder Nachwuchs in Plathe

Es gibt auch erfreuliche Nachrichten. So hat sich nach 1996 erstmals wieder ein Storchenpaar in Plathe niedergelassen. Die beiden Jungvögel waren am Sonnabend gerade groß genug, um sie zu beringen. In Vienau beispielsweise hatten die Störche erst verspätet angefangen zu brüten, so dass der Nachwuchs in ein paar Wochen erst beringt werden kann. In Karritz und in Schenkenhorst sind sogar vier Jungvögel hervorgegangen.

In Jeetze macht Mario Firla eine interessante Entdeckung. Im Horst sitzen drei Jungtiere, die unterschiedlich alt und groß sind. Und auch in Cheinitz steigt die Spannung. Michael Arens erzählt, dass vor einiger Zeit ein toter Weißstorch an der Straße nach Apenburg gefunden wurde. Vermutet wurde, dass er zum Nest in Cheinitz gehört. Ob der Nachwuchs wohl mit nur einem Versorger überleben kann? Mario Firla gibt Entwarnung. Beide Jungvögel sind wohlauf. Und ob nur ein Storch die Brut versorgt, ist nicht eindeutig. Zumindest sitzt einer auf dem Nest, als die Hebebühne nach oben fährt. Hier war übrigens die gesamte Brut 2013 dem Starkregen zum Opfer gefallen.

Die Storchenberingung sorgt jedes Jahr für Aufsehen. Immer wieder halten Passanten an oder kommen Anwohner aus ihren Häusern, um das Geschehen mitzuverfolgen. Einige haben schon gerätselt, wie viele Köpfe sie im Nest gezählt haben. Oft sind sie enttäuscht, wenn es weniger sind als angenommen. Die Zahlen notiert Michael Arens nicht nur in seinem Heft, sondern auch an den Tafeln, die unter jedem Nest angebracht sind. Dort ist auch die Zugroute vermerkt. Die Elbe, so Michael Arens, kann als eine Art Zugscheide gesehen werden. Störche, die westlich der Elbe geboren werden, zögen über Spanien nach Afrika und legten ungefähr 4000 Kilometer zurück. Östlich der Elbe flögen die Tiere bis zu 11 000 Kilometer über die Türkei bis nach Südafrika.

Dank der Beringung lassen sich das Alter und das Verhalten der Weißstörche leichter bestimmen. In Schenkenhorst brütet seit 2001 fast durchgängig ein Storch, der 1994 in Brüchau beringt wurde. Mit 20 Jahren hat dieser schon ein beachtliches Alter erreicht. In Thüritz hingegen hat sich seit zwei Jahren ein Storch niedergelassen, der 2008 in Brandleben (Landkreis Lüchow-Dannenberg) geboren wurde. Und den Storch, der dieses Jahr in Butterhorst gesichtet wurde, zieht es öfter mal nach Braunschweig. Er stammt aus Fermerswalde (Brandenburg).


   

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