Salzwedel l Das gibt es wirklich nicht oft: Ein Berliner schließt seine Hausarztpraxis in der Bundeshauptstadt, um sich in der Altmark eine Zukunft aufzubauen. Seit dem 1. Juli arbeitet Dr. Dimitrius Argiropulos im Ärzte- und Apothekenhaus an der Neuperverstraße. Als Hausarzt verstärkt er die Doppel-Praxis von Uta Scheuch-Müller, deren Kollegin Heidemarie Lahmann Ende Juni in den Ruhestand wechselte.

Der Arzt vom Mars, der in die Altmark zog

Die Altmark gefällt ihm, sagt Dr. Argiropulos. Er mag die Ruhe und die Landschaft. Doch der Landstrich allein hätte ihn wohl nicht überzeugt. Dr. Argiropulos fällte seine Entscheidung aus privaten Gründen: "Meine Lebenspartnerin wohnt hier", erzählt der Arzt, der an der Berliner Charité studierte und sich auf Innere Medizin spezialisiert hat.

Dass es so schwierig ist, Hausarztpraxen nachzubesetzen, ist für den 42-Jährigen, dessen Eltern einst aus Griechenland nach Deutschland einwanderten, unverständlich. Denn er selbst mag die Vielfalt, mit der er in seinem Beruf zu tun hat - gerade in einer Welt, die im medizinischen Bereich immer spezialisierter sei.

Von der Kassenärztlichen Vereinigung sei er sogar wie ein "Marsmensch" beäugt worden, als er sich mit seinem Wunsch an die Vereinigung wandte, eine Praxis in der Altmark zu eröffnen.

Kein Wunder: "Es ist sehr selten der Fall", antwortet Hauptgeschäftsführer Martin Wenger von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt auf die Frage, wie häufig Hausärzte von großen Städten in ländlich geprägte Räume ziehen und umgekehrt. Immerhin: Im Vergleich der Bereiche Gardelegen und Salzwedel hat die Stadt des Baumkuchens noch die bessere Versorgung und liegt relativ nah an einer Vollversorgung mit Hausärzten.

"Drohend unterversorgt" - ein landesweiter Trend

Beruhigen kann das allerdings nicht. Denn der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen hat festgestellt, dass die Bereiche Gardelegen und Salzwedel, in die der Landkreis eingeteilt wird, als "drohend unterversorgt" gelten, berichtet Wenger.

Schon jetzt sind kreisweit 11,5 Hausarztstellen frei. Und der Wegfall einer bestehenden Hausarztpraxis im ländlichen Raum könne immer zu Versorgungsproblemen führen. Drohend unterversorgte Bereiche werden deshalb "besonders intensiv beobachtet und wenn möglich Interventionen erwogen".

Der Nordwesten des Landes ist jedoch nicht allein betroffen. Insgesamt sind 15 Bereiche drohend unterversorgt - und damit fast die Hälfte der hausärztlichen Planungsbereiche, habe der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen festgestellt.

Hinzu kommt, dass in strukturschwachen Regionen die Zahl der älteren und mehrfacherkrankten Menschen steigt, während sich die Zahl der Ärzte gegenläufig entwickelt. Martin Wenger: "Besonders bei Hausärzten ist das Durchschnittsalter hoch und dementsprechend viele Ärzte gehen in den Ruhestand." In den vergangenen vier Jahren sei die Zahl der Hausärzte in Sachsen-Anhalt zwar relativ stabil geblieben. Der Altersdurchschnitt habe sich aber nach oben verschoben, "viele Ärztinnen und Ärzte arbeiten dankeswerterweise länger in der Praxis und erhalten die Versorgung aufrecht".

Die Sicherung von Hausarztstellen im ländlichen Raum wird deshalb für die Zukunft die größere Herausforderung sein. Nicht nur in Salzwedel, nicht nur in der Altmark, nicht nur in Sachsen-Anhalt. Viele Flächenländer in Deutschland würden über einen Mangel an Hausärzten in ländlichen Bereichen klagen, berichtet Wenger, "dies macht die Problematik erst wirklich gravierend". Und Maßnahmen dringen notwendig.

Die Frage nach dem Wie

Doch wie soll der Trend aufgehalten werden? Die Kassenärztliche Vereinigung hat bereits einige Instrumente auf den Weg gebracht. Unter anderem ist eine Praxisbörse gegründet worden. "Hier können rechtzeitig Kontakte zwischen Vertragsärzten, die aus Altersgründen ihre Praxis aufgeben wollen, und potentiellen Nachfolgern hergestellt werden", erläutert Wenger.

Weiterhin besteht in der Hausärztlichen Versorgung die Möglichkeit, Aufgaben der Patientenbetreuung und der Praxisorganisation durch einen speziell ausgebildeten Praxisassistenten abdecken zu lassen. In Gebieten, die unterversorgt oder als drohend unterversorgt eingestuft sind, wird das gefördert, und der Arzt auf diese Weise entlastet.

Die Möglichkeit, als angestellter Arzt eine Praxis zu betreiben, besteht auch. Wenger: "Wir gehen davon aus, dass zukünftig mit einem Anteil von zirka 35 bis 40 Prozent an angestellten Ärzten in der ambulanten Versorgung gerechnet werden." Derzeit liegt dieser über alle Fachgruppen etwa bei 25 Prozent von der reinen Anzahl her.

Die Patienten, die einst von Heidemarie Lahmann behandelt wurden, dürften aber beruhigt sein. Sie werden in Dr. Argiropulos auch in der Zukunft einen Ansprechpartner haben. Und einige Dienstjahre hat der 42-Jährige ja noch vor sich...