56 Gräber, vier hölzerne Wasserleitungen und ein Pilgerzeichen: Die archäologischen Grabungen in Diesdorf ermöglichen einen Blick in die Geschichte. Grabungsleiterin Antje Lehmann ist noch mit dem Aufarbeiten beschäftigt.

Diesdorf l Ein knappes Jahr mussten die Diesdorfer und Durchreisende Umleitungen in Kauf nehmen, weil die Landesstraße 8 und 11 im Ort ausgebaut wurde. Doch für die Archäologen war es ein Glücksfall. Denn sie konnten mehr über die Historie in Erfahrung bringen. "Wir sind nur so tief gegangen, wie der Baukörper war. Am Sportplatz an der tiefsten Stelle waren es drei Meter. Doch dort haben wir keine Funde gemacht", sagt Antje Lehmann, die im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie die Grabung begleitet hat und alle Erkenntnisse katalogisiert.

Älteste Holzprobe im Schäfertor gefunden

76 Holzproben seien zur Untersuchung eingeschickt worden. Jedoch konnten nicht alle datiert werden: Manche seien zu kurz, andere schlecht erhalten gewesen, berichtet sie. "Wir wissen jetzt, dass die verwendeten Hölzer zwischen den Jahren 1160 und 1885 gefällt worden sind." Die älteste Probe sei am Schäfertor am Parkplatzeingang gefunden worden. Die jüngste sei ein Holzpfosten an der Kreuzung Schäfertor/Kloster gewesen. "Wenn man bedenkt, dass im Jahr 1161 das Kloster gegründet wurde, dann ist das ältestes Fälldatum schon interessant", schildert die Archäologin.

Für sie sei es klar gewesen, dass im Straßenkörper viele Dinge zutage treten werden. Denn es existiere ein alter Plan aus dem Jahr 1758, in dem das Schäfertor samt Torhaus, der Friedhof an der Kirche, die Darre und die Klostermauer eingezeichnet seien.

56 Gräber, 32 Nachbestattungen und 35 Einzelknochen konnten am einstigen Friedhof nahe der Kirche nachgewiesen werden. Die älteren Gräber seien nach Ost-West ausgerichtet, die jüngeren würden sich an der Friedhofsmauer orientieren. "Wir wissen aber nicht genau, wann diese entstanden ist", sagt Antje Lehmann. Sie machte auf einige interessante Bestattungen aufmerksam: In einem Grab seien der Kopf und die Fußenden mit Backsteinen fixiert. Warum das erfolgte, sei noch ein Rätsel. Bei einer Sonderbestattung außerhalb der Friedhofsmauer habe der Schädel neben den Füßen gelegen. "Vielleicht war das ein Hingerichteter", mutmaßt die Grabungsleiterin. Diesdorf habe einst Rechtsbarkeit gehabt, fügt sie hinzu.

Vier hölzerne Wasserleitungen, davon eine aus Kiefer und drei aus Erle, seien rund um die Kirche entdeckt worden.

Der für sie schönste Fund sei ein Pilgerzeichen gewesen, das jedoch nicht sehr gut erhalten gewesen sei. "Es stammt aus Wilsnack und ist wohl im 15. Jahrhundert geschaffen worden. Es gibt in Bremen einen Vergleichsfund", berichtet Antje Lehmann.

Insgesamt hat die Fachfrau 334 Befundnummern vergeben. Dahinter verbergen sich unter anderem Pfostengruben, Straßen- und Hauspflaster, ein Ziegelfußboden im Bereich der Darre, ein hölzerner Bohlenweg und Pfostenreihen. An der Naturdenkmal-Eiche am Schäfertor seien die Archäologen auf einen rechteckigen Brunnen gestoßen. Fast 12000 Funde müssten genau aufgelistet werden. Einer der ältesten sei eine Feuersteinklinge aus der Jungsteinzeit. Die jüngsten, zum Beispiel Keramik, seien neuzeitlich.

"Unter dem Asphalt war Feldsteinstraßenpflaster, darunter ein weiteres altes Pflaster", blickt sie zurück. Aus einer Chronik habe sie erfahren, dass über den Straßenzustand in Diesdorf oft geklagt worden sei. Im Jahr 1859/60 sei die heutige Dährer Straße gebaut worden. Damals musste ein Drittel der Alten Darre weichen, um Platz für die Verkehrsverbindung zu schaffen. "Wir haben Mauerwerk im Boden entdeckt. Die alte Ostfassade konnten wir jedoch nicht freilegen, weil sie sich außerhalb des von uns untersuchten Bereiches befindet", erzählt die Grabungsleiterin.

Alles dokumentiert, was zerstört wurde

Mittlerweile ist von dem Geschichtlichen im Boden nichts mehr zu sehen. "Wir haben aber alles dokumentiert, was durch die Bauarbeiten zerstört wurde", betont sie. Wenn es interessiert, könnte sie im Herbst einen Vortrag über die Grabung für den Heimatverein halten. Am schönsten wäre es in der Alten Darre, denkt sie laut nach.

Dort sind die Diesdorfer am Freitag, 18. Juli, willkommen. Ab 14.30 Uhr wird die neue Ortsdurchfahrt offiziell eingeweiht. Dann laden die Gemeinde und die Baufirmen vor allem die Anwohner ein, um sie für die Unannehmlichkeiten etwas zu entschädigen.