Bis zum Winter 1927/28 wuchs in Vissum der größte Efeu Europas, wenn man nach dem Stammdurchmesser geht. Diese Pflanze, die noch heute wächst, lockte immer wieder prominente Besucher an.

Vissum l Der Efeu an der Vissumer Kirche ragt derzeit an die Turmluken heran und bedeckt weite Teile der Westseite. Doch Anfang des 20. Jahrhunderts war nahezu das komplette Gotteshaus mit einer grünen Blätterhaut überzogen - bis im Winter 1927/28 strenger Frost der Pflanze den Garaus machte.

"Es herrschten damals Temperaturen von Minus 30 Grad, belegen Aufzeichnungen", erklärt Ortsbürgermeister Uwe Hundt, der die Geschichte des Efeus bestens kennt. Das Resultat war, dass die Pflanze erfror. Damals hatte der Stamm einen Durchmesser von 60 Zentimetern und soll damit zu der Zeit der mächtigste Efeu Europas gewesen sein. Doch bevor Ende der 20er-Jahre der komplette Stamm gefällt wurde, musste die Pflanze zu Beginn des ersten Weltkrieges zum Spitzen schneiden. Das Dach wurde bis zu den Turmluken freigeschnitten, damit die Glocken für die Rüstungsproduktion aus dem Turm geholt werden konnten.

Kinder kletterten im Efeu an Kirchturm hoch

Turm und Efeu dienten früher auch als Spielplatz. "Mein Vater hat mir erzählt, das er als Kind mit den Jungs aus dem Dorf im Efeu herumgeklettert sei", erinnert sich Uwe Hundt. "Sie sind bis zu den Turmluken hochgeklettert", sagt der Ortschef. Und noch eine weitere Geschichte bekam Hundt von seinen Vater zu hören. Im Rahmen eines Manöverbesuchs bei Pretzier soll Kaiser Wilhelm II. einen Abstecher nach Vissum gemacht haben, nur um die Pflanze zu sehen. "Allerdings kursiert diese Geschichte im Dorf eher als Legende. Belege lassen sich für diesen Besuch nicht finden", erklärt Uwe Hundt. Ein königlicher Promigast ist aber belegt. "Der Preußische König Friedrich-Wilhelm IV. sah sich die Kirche im Zuge einer Altmark-Reise an", berichtet der Ortsbürgermeister.

Das Alter der Pflanze ist unbekannt. Uwe Hundt geht davon aus, dass der Efeu mehrere hundert Jahre auf dem Buckel hat. "Ein Stamm mit 60 Zentimetern Durchmesser braucht seine Zeit", ist er sich sicher. Der momentane Bewuchs hat sich seit den 1970er-Jahren entwickelt. Damals wurde die Pflanze abermals zurechtgestutzt. An den Grund kann sich Uwe Hundt nicht genau erinnern. Entweder wurde damals die Pflanze beschnitten, da ein Bausachverständiger eine Gefahr für das Mauerwerk der Kirche sah, oder es lag abermals an einem strengen Winter. Jedenfalls wächst der Efeu nun seit 40 Jahren wieder ungestört. Und wenn die Pflanze dieses Tempo beibehält, ist die Turmfassade in einigen Dekaden wieder komplett in Grün getaucht. Ein komplett zugewachsenen Gotteshaus werden aber erst die nächsten Generationen zu Gesicht bekommen.