Gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs fielen bei Arendsee Schüsse. Allerdings trafen diese fälschlicherweise den Oberamtmann des Remonte-Depots.

Arendsee l Der Erste Weltkrieg gilt als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren begannen sich im Juli 1914 die Ereignisse nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni hochzuschaukeln. Wie war damals die Stimmung in und um Arendsee kurz vor Kriegsausbruch?

In der Arendseer Zeitung des Jahres 1914 sind überraschenderweise vor dem 1. August kaum Schriften gegen Frankreich und England zu entdecken. Selbst die Fahnenweihe des evangelischen Arbeiter-Vereins in Arendsee am 14. Juni und das 50-jährige Bestehen des Männer-Turn-Verein Arendsee am 19. Juli wurde nicht für Frankreich feindliche Ansprachen genutzt.

Am 1. August erklärte Deutschland Russland den Krieg. Am selben Tag ist im Arendseer Wochenblatt auf der Titelseite zu lesen, das sich die im Urlaub befindlichen Soldaten sofort in ihren Garnisonen einzufinden haben. Alle wehrpflichtigen Männer, die nicht dem Heer oder der Marine angehörten, mussten sich am 4. August zur Aufstellung des Landsturms im Rathaus melden. In diesem Zusammenhang wurde auch mitgeteilt, dass seit dem 1. August eine Bewachung der Eisenbahnbrücken stattfindet.

Wie ernst der Landsturm seine Aufgabe nahm, soll folgender Bericht des Arendseer Wochenblattes darstellen: Am 6. August 1914 ist unter der Überschrift "Arges Missverständnis" folgendes zu lesen: "Durch ein arges Missverständnis sind am Montagabend zwei Menschenleben in Gefahr gekommen. Herr Oberamtmann Hoffmann (Leiter des Arendseer Remontedepots) von hier, der schon vom frühen Morgen der Pferdemusterung beigewohnt hatte, begab sich nachmittags gegen 4 Uhr mit dem von Herrn Dr. Oppermann geliehenen Auto zu dem gleichen Zwecke nach dem Remonte-Depot Wustrow-Königshorst. Als er sich auf die Rückfahrt begab, begann es schon leicht zu dunkeln.

Verdächtiges russisches Automobil

Am selben Tage war den Gemeindebehörden auch im Kreis Lüchow die Mitteilung überbracht, es werde ein verdächtiges russisches Automobil erwartet, welches bei Ansichtigwerdung anzuhalten sei, heißt es weiter in dem Blatt. Es wurden sofort Posten aufgestellt. In den ersten Dörfern diesseits Königshorsts wurde dem Auto des Oberamtmanns `Halt` entgegen gerufen. Der letztere, welcher von der Anordnung keine Kenntnis hatte, nahm davon keine Notiz und fuhr weiter. Von Trabuhn ist nun nach Schmarsau telephoniert worden, es käme ein verdächtiges Auto, welches in Kürze den Ort passieren würde, und unter allen Umständen eventuell mit Waffengewalt anzuhalten sei. Daraufhin bewaffneten sich die Mannschaften und nahmen an der Straße, wo der Weg von Bockleben in Schmarsau einläuft und wo ein Tau über die Chaussee gezogen war, Aufstellung. Vor dem Dorfe soll dem Auto wieder ein mehrfaches `Halt` entgegen gerufen, aber nicht beachtet sein. Als es diese Stelle passierte, schossen mehrere Personen gleichzeitig. Der Oberamtmann erhielt je ein Schrotkorn an der Stirn, an der Unterlippe und am Arm. Der Chauffeur wurde sehr schwer verletzt, sodaß an seinem Aufkommen gezweifelt wird; er erhielt einen Kugelschuß in den rechten Arm. Schrotschüsse in die Brust und in den Leib.

Schmarsauer Schützen sind bestürzt

Der Landrat von Lüchow traf bald nach dem Unfall, welcher etwa um 11 Uhr abends passierte, in Schmarsau ein und stellte sein Auto zur Beförderung des Schwerverletzten nach Arendsee zur Verfügung. Dieser ist gestern ins Salzwedeler Krankenhaus eingeliefert worden. Die Schmarsauer Schützen waren natürlich bestürzt, als sie gewahr wurden, was sie angerichtet; sie haben ohne Frage in gutem Glauben gehandelt und gedacht, dem Vaterland einen Dienst zu leisten. Wenn man nach dem Geschehnis wohl sagen möchte, es hätte sich auch anders machen lassen, so kann man doch das Gebahren nicht zu sehr verurteilen, denn das eine Telephon-Nachricht, wie sie gegeben, große Aufregung hervorruft, ist verständlich und lange Zeit zu Beratungen war nicht vorhanden. Wenn das Auto wirklich ein russisches gewesen wäre, würde man den Schneid der Schmarsauer lobend anerkennen. So kann man die Affäre nur tief bedauern und wünschen, dass der unglückliche Chauffeur mit dem Leben davon kommen möge", schreibt das Wochenblatt.

Das erste Arendseer Kriegsopfer war August Rusch. Er ist am 6. August beim Sturm auf die Festung Lüttich gefallen. Der letzte Tote aus Arendsee ist F. Limpius, der erst 1920 starb. Da auch K. Sauerbier, W. Schröder, G. Scholz und E. Wiesner als 1919 gefallen gemeldet sind, liegt nahe, dass sie erst später an den Folgen ihrer Verwundungen gestorben sind.