Der Jugendmigrationsdienst Salzwedel der Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist seit kurzem Entsendeorganisation des Europäischen Freiwilligendienstes. Natalia Felde darf als erste Jugendliche diese Möglichkeit nutzen. Morgen fährt sie nach Österreich.

Salzwedel. Das ständige Weiterbilden gehört zum Job von Christa Schindler. "Die Arbeiterwohlfahrt als Träger fordert es und unterstützt uns dabei sehr", bedankt sich die Leiterin des Salzwedeler Awo-Jugendmigrationsdienstes. Durch die Kurse hat sie mehr über den Europäischen Freiwilligendienst erfahren. Und festgestellt, dass auch die Salzwedeler Einrichtung Entsendeorganisation werden kann. Das erforderliche Akkreditierungsgespräch sei am 29. Januar 2010 gewesen. Kurze Zeit später gab es das Okay.

"Der Europäische Freiwilligendienst bietet Jugendlichen die Möglichkeit, im Ausland neue Eindrücke zu sammeln, Ideen zu entwickeln und über die eigene Perspektive nachzudenken", schildert Christa Schindler. Es sei reizvoll, dieses Angebot unterbreiten zu können, auch wenn einiges an Zeit für das Antragstellen und die Kontaktaufnahme eingeplant werden müsse.

Gute Leistungen, aber keine Zusage für einen Job

"Wir haben sehr viele junge Migranten in Lohn und Brot gebracht, unterstützen sie bei der Ausbildung, beim Studium, bei der Anpassung der Abschlüsse", zählt Christa Schindler auf. Es gebe auch viele, die gute Lernergebnisse erzielen, aber danach nicht so richtig weiterkommen würden. An jene richte sich der Europäische Freiwilligendienst, der auch als Lerndienst bezeichnet wird: Denn die Teilnehmer lernen neue Fähigkeiten, Sprachen, Umgebungen kennen, können die eigene Kreativität mit einbringen.

Natalia Felde, die im Jahr 2000 aus Kasachstan nach Deutschland kam, ist froh, dass sie dieses Angebot nutzen kann. Die heute 21-Jährige hat die zehnte Klasse in Salzwedel abgeschlossen, danach eine Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin in Richtung Fremdsprachen in Magdeburg erfolgreich absolviert. "Ich habe mich viel beworben, aber leider keine Zusage erhalten", sagt die junge Frau. Christa Schindler unterstützte sie dabei, dass sie jetzt ein Praktikum im Bildungsverbund Handwerk in Salzwedel absolvieren konnte. Natalia Felde lernte mehr über die Arbeit mit dem Computer, bereitete Präsentationen vor, recherchierte, schrieb Texte und lernte das Zehn-Finger-Schreibsystem. "Eine tolle Erfahrung. Aber nur im Büro zu sitzen, das ist nicht so befriedigend für mich", gesteht die 21-Jährige.

Seit gut einem halben Jahr beschäftigt sie sich schon mit dem Europäischen Freiwilligendienst, hat viel mit Christa Schindler gesprochen und mit ihr am Computer nach dem passenden Zielland gesucht. Die Wahl fiel auf Österreich. "Weil dort Deutsch gesprochen wird", begründet die junge Frau. Und sie sei nicht ganz so weit weg von ihrem gewohnten Umfeld. In Niederösterreich, etwa 150 Kilometer von Linz entfernt, wird Natalia Felde mehrere Monate in einer Einrichtung für geistig behinderte Kinder und Jugendliche arbeiten. Ihre Aufgabe werde es sein, mit den jungen Leuten zu spielen und zu kochen, nennt die Salzwedelerin einige Beispiele. Allerdings habe sie noch nie mit Geistigbehinderten zu tun gehabt. Deswegen sei sie schon etwas aufgeregt. "Ich weiß noch nicht, ob ich dem auch gewachsen bin", gesteht Natalia Felde. Dennoch sei sie dem Neuen gegenüber aufgeschlossen. "Ich werde die Zeit nutzen, um darüber nachdenken, was ich künftig machen möchte: ob ich in den sozialen Dienst gehen will oder mich lieber den Fremdsprachen widme", fügt sie hinzu.

Kost und Logis sind während des Aufenthaltes, der bis zu einem Jahr dauern kann, umsonst. Zudem gibt es ein kleines Taschengeld. "Dieser Dienst richtet sich an benachteiligte Jugendliche, die sonst kaum eine Chance haben. Er ist kein Ersatz für den Zivildienst und auch keine Praktikumsmöglichkeit während des Studiums", macht Christa Schindler deutlich.

Sie fiebert mit ihrem Schützling mit, der morgen auf die lange Zugreise gehen wird. "Die Umgangssprache in Österreich wird wohl Englisch sein, weil die Freiwilligen aus verschiedenen Ländern kommen", so die Leiterin des Jugendmigrationsdienstes. Natalia Felde, die gern liest, Musik hört und mit Freunden unterwegs ist, beherrscht das Englische gut. "Aber ich hoffe, dass ich noch viel dazulernen", blickt sie voraus. Sie wird einen intensiven Kontakt zu Christa Schindler halten, ihr über den Alltag erzählen und berichten, wenn sie weiß, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt.