Die Pläne der Nahverkehrsgesellschaft Sachsen-Anhalt (Nasa), die Regionalbahnen zwischen Salzwedel und Stendal zu streichen, rufen große Empörung hervor. Sowohl Reisende als auch Kommunalpolitiker sind entsetzt, dass gleich vier Haltepunkte wegfallen sollen.

Brunau-Packebusch/Pretzier l Morgens, 9.47 Uhr in Pretzier. Die 23-jährige Monique Bellmann steigt in die Regionalbahn nach Salzwedel. "Es ist mit dem Zug einfacher als mit dem Bus", sagt sie. Der Bus würde nur alle zwei Stunden fahren. Erschwerend kommt hinzu, dass Monique Bellmann mit ihrer kleinen Tochter unterwegs ist. Mit dem Kinderwagen ist es im Zug leichter.

Die geplante Einstellung der Regionalbahnen stößt nicht nur bei der jungen Frau auf Ablehnung. "Das ist eine Katastrophe", entrüstet sich Lieselotte Arendt (78) aus Brunau. Sie fährt momentan jeden Tag nach Stendal, um ihren Mann zu besuchen, der krankheitsbedingt dort stationär untergebracht ist. Auch die Brunauer Hannelore (61) und Peter (73) Busch nutzen regelmäßig die Regionalbahn, um nach Salzwedel oder Stendal zu gelangen. Sei es um Ärzte aufzusuchen, einzukaufen oder Anschlusszüge zu erreichen. "Es wird wirklich alles getan, damit die Gegend immer unattraktiver wird", sagt Hannelore Busch kopfschüttelnd.

Umsteigen aufs Autobringt Umweltprobleme

Ähnlich äußern sich alle Reisenden, die die Volksstimme zu dem Thema befragt hat (siehe unten). So auch Hajo Harthun aus Hagenau, der ganz bewusst aufs Autofahren verzichtet und oft sein Fahrrad mit in die Bahn nimmt. Helga Scharge aus Plathe spielt ebenfalls auf den Umweltaspekt an: "Dann müssen wieder viel mehr Leute mit dem Auto unterwegs sein, und das ist ja wohl nicht im Sinne des Klimaschutzes."

Eine Welle der Empörung haben die Pläne auch in der Kommunalpolitik ausgelöst. Der Kalbenser Stadtrat wird eine Stellungnahme an das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr schicken. "Die ohnehin schon rudimentäre Bahnanbindung noch in Frage zu stellen, werden wir nicht unkommentiert hinnehmen", gab sich Kalbes Einheitsgemeindebürgermeister Karsten Ruth kämpferisch.

Die Kommune habe gerade mit hohem finanziellen Aufwand die Feuerwehrtechnik in den Orten entlang der Bahnstrecke auf den neuesten Stand gebracht, damit die Wehren nach dem viergleisigen Ausbau für etwaige Gefahrenlagen gerüstet sind. Zudem zerschneide die bald noch breitere Bahntrasse die Einheitsgemeinde, auch sei mit mehr Lärm durch ein höheres Aufkommen an Zügen zu rechnen. Ruth: "Und zum Dank dafür nimmt man uns den letzten Bahnhof weg, den letzten Vorteil, den die Region noch hatte."

Packebuschs stellvertretende Ortsbürgernmeisterin Sigrid Gühne fehlen angesichts der Streichpläne die Worte. "Wir haben hier schon so eine schlechte Infrastruktur, und jetzt werden noch die Züge gestrichen, das ist unfassbar", sagt sie fassungslos. Der Haltepunkt sei für Schüler und Auszubildende die nach Salzwedel oder Stendal wollen ein Muss. "Das können Busse niemals ersetzen", konstatiert sie. Auch für die touristische Entwicklung der Region wäre der Schritt ein herber Rückschlag, denn viele Radtouristen, die am Milde-Biese-Radweg unterwegs sind, nutzen die Haltepunkte entlang der Bahnlinie.

"Das ist unerhört, wir haben schon eine Mail an die Bahn geschickt", schimpft Ortrun Cyris Ortschaftsrätin von Brunau. Sie frage sich, wie es gelingen soll, junge Leute in der Region zu halten, wenn zuerst die Schulen schließen und dann auch noch die Bahnhaltepunkte wegfallen, die noch ein gewissen Maß an Mobilität ermöglichen. Cyris: "Was können wir hier noch bieten?" Zudem stellt sie in Frage, dass tatsächlich so wenig Reisende die Regionalbahnen nutzen.

Auch im Ortschaftsrat Pretzier wird die drohende Schließung bei der nächsten Sitzung ein Thema sein. "Das ist eine Riesensauerei. Damit wird der ländliche Raum komplett abgeschnitten", schimpft Ortsbürgermeister Herbert Schulze und legt noch nach: "Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Menschen, die hier wohnen und jeden Tag zur Arbeit pendeln müssen." Er hatte von dem Vorhaben, den Haltepunkt Pretzier zu schließen, zudem auch erst aus der Zeitung erfahren. Ihm stößt dabei besonders sauer auf, dass die Bahn und das Land Sachsen-Anhalt unlängst den zweigleisigen Ausbau der Strecke beschlossen haben. "Der Ortschaftsrat wird da noch was tun", kündigt er noch an.

In der Einheitsgemeinde Bismark musste man in der Vergangenheit bereits Bekanntschaft mit Schließungsplänen der Nasa machen. Das Aus der Haltestelle in Meßdorf ist nicht mehr abzuwenden. "Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, konnten das nur noch zähneknirschend zur Kenntnis nehmen", sagt Bürgermeisterin Verena Schlüsselburg. Die Proteste der Bürgerinitiative "Pro Bahnhaltepunkt Meßdorf " liefen in diesem Falle genau so ins Leere wie ein von Schlüsselburg und dem Stadtratsvorsitzenden Andreas Cosmar unterzeichneter Brief, gerichtet an Verkehrsminister Thomas Webel.

Kommunen sollengemeinsam auftreten

Nun gelte es, die Schließung weiterer Haltepunkte, in der Einheitsgemeinde Bismark wären Kläden und Steinfeld betroffen, mit aller Macht abzuwenden. Schlüsselburg regt an, dass die beiden Landkreise und die betroffenen Kommunen gemeinsam gegen die Pläne intervenieren. Persönlich werde sie am 19. August einen Termin im Verkehrsministerium nutzen um zu versuchen, Webel von der Notwendigkeit der Haltepunkte zu überzeugen.