Nur noch jedes zweite Kind kann heutzutage richtig schwimmen. Das zeigt die Statistik der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft. Die Technik zu erlernen ist nicht schwer, doch es fehlt den Kindern an Erfahrung.

Dähre/Salzwedel l Es ist 9 Uhr morgens, als ich mich im Waldbad Dähre zwischen zwölf Kinder setze, die innerhalb von zwei Wochen das Schwimmen lernen und ihr Seepferdchen ablegen sollen. Schwimmlehrerin Birgit Schmidt stellt mich als weiteres Mitglied der Gruppe vor. Die Fünf- bis Siebenjährigen mustern mich neugierig. Ich gebe mir die Blöße und sage ganz offen, dass ich kein Seepferdchen habe und das nun hiermit nachholen möchte. Verblüffte Blicke von den Kleinen. Ja, das kenne ich schon aus meinem Bekanntenkreis.

In der Vergangenheit wurde ich oft belächelt, sobald zur Sprache kam, dass ich kein Seepferdchen habe. Dabei kann ich gut schwimmen. Ich bin gern im Wasser. Schwimmen zu lernen, war in unserer Familie selbstverständlich. Mein Vater hat es mir beigebracht, als ich fünf Jahre alt war. Allerdings haben wir das im flachen Wasser unseres Sees geübt, der quasi vor unserer Haustür lag. Durch stetiges Üben habe ich mir eine etwas abgewandelte Technik angeeignet, um mich über Wasser zu halten.

In der Schule gab es keine Schwimmkurse. Erst im Abitur wurde Schwimmen ein Bestandteil des Sportunterrichts. Dort hat aber niemand nach meinen Schwimmkünsten gefragt. Nur meiner Lehrerin fiel auf, dass ich eine etwas merkwürdige Technik habe, um mich fortzubewegen. Die meisten meiner Mitschüler hatten bis dato ein Schwimmabzeichen abgelegt. Aber im Unterricht zeigte sich dann, wer Übung hat und wer nicht.

Bei der Seepferdchengruppe in Dähre ist das anders. Einige Kinder haben schon mit ihren Eltern im heimischen Pool geübt, andere waren 2013 schon beim Kurs dabei. Vereinzelt gibt es Kinder, die das zum ersten Mal machen.

Birgit Schmidt versucht den Kindern zunächst die Angst vor dem Wasser zu nehmen. Im Nichtschwimmerbecken wird auf spielerische Weise der Kontakt mit dem Wasser trainiert. Im Trockenen wird die Schwimmtechnik geübt. "Frosch, Hampelmann, Fisch", wiederholt Birgit Schmidt immer wieder, und die Kinder sprechen ihr nach. Dabei führen sie die entsprechenden Arm- und Beinbewegungen aus. Diese Methode hat sich die Lehrerin von Inga Martens erklären lassen. Die 38-Jährige arbeitet als Schwimmmeistergehilfe für die Stadt Salzwedel. Gerade hat sie einen Kinderschwimmkurs im Waldbad Liesten hinter sich.

Im Kindesalter lernt es sich am leichtesten

Im Kindesalter erlernt sich das Schwimmen am besten, sagt sie. Dass die Kinder das Schwimmen beherrschen, ist für Inga Martens selbstverständlich. Schließlich gebe es immer Gefahren, die im und am Wasser lauern würden. Doch ihre langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass nicht alle Eltern das so sehen und oft nicht darauf achten, ob ihr Kind richtig schwimmen kann. Ein anderer Grund sei der Zeitmangel. Wenn die Eltern berufstätig sind, bleibe kaum Zeit, den Kindern das Schwimmen selbst beizubringen. Auch in den Schulen gäbe es wegen Zeitmangels kaum Schwimmunterricht. Und die Klassen seien zu groß, um sich genug Zeit für jeden Schwimmanfänger zu nehmen.

Aber auch der finanzielle Aspekt spiele eine Rolle, zählt Inga Martens auf. Manche Eltern hätten nicht genug Geld, um das Schwimmabzeichen zu bezahlen. Die Untersuchung der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) offenbart: Je ärmer die Familien sind, desto weniger können die Kinder schwimmen. Ebenso führen die Eintrittspreise zu Bädern dazu, dass die Kinder seltener mit Wasser in Berührung kommen. Dabei laufen gerade sie leichter Gefahr zu ertrinken aufgrund ihres Körperbaus, so die DLRG. Bis zu 25 Prozent aller Grundschulen könnten außerdem keine Schwimmkurse anbieten, da immer mehr Bäder aus Kostengründen geschlossen werden.

Schwimmen ist reine Übungssache

In Dähre sind die Beweggründe der Schwimmanfänger unterschiedlich. Die meisten wollen es von sich aus lernen oder tun es aus "Gruppenzwang", weil Freunde oder Geschwister auch schwimmen lernen. Aber auch viele Eltern vor Ort sagen, dass das für sie selbstverständlich sei. Denn sie selbst hätten es damals auch lernen müssen. Manche in der Schule, manche von ihren Eltern.

Eines der motiviertesten Kinder ist Leon Hummelt. Der Schulanfänger hat keine Angst vorm Wasser, lernt schnell und kann sogar mit mir zusammen die Seepferdchenprüfung vorzeitig absolvieren. Denn für Leon geht es am nächsten Tag in den Urlaub - an die Ostsee. Die ersten Techniken hat er im heimischen Pool gelernt. Um das Seepferdchen zu bekommen, muss er vom Beckenrand springen, 25 Meter frei schwimmen und nach einem Ring im Nichtschwimmerbecken tauchen. Nun ist er bereit für die nächste Stufe. Insgesamt schaffen neun der zwölf Kinder im Kurs die Prüfung.

Doch das Seepferdchen allein reiche nicht aus, um Kinder unbeaufsichtigt ins Wasser zu lassen, sagt Inga Martens. Schließlich beherrschen sie damit lediglich die Grundtechniken. "Die Kraft für die Selbstrettung ist noch nicht da", sagt sie. Deswegen sei es sowohl für Kinder als auch für Eltern wichtig, dranzubleiben. Denn Schwimmen sei Übungssache.

   

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