Leben auf dem Dorf kann zuweilen idyllisch sein. Aber gerade, wenn das Dorf keine Einkaufsmöglichkeit hat, wird es für Menschen ohne eigenes Fahrzeug schwierig. Die Volksstimme beleuchtet in einer Serie die noch verbleibenden Möglichkeiten des Dorfeinkaufes. Heute: Interview von Volksstimme-Volontärin Melanie Mielke mit Irene Solenksi aus Wallstawe und Wilfried Meyer, Vorsitzender der Volkssolidartätsortsgruppe.

Seit wann gibt es denn in Wallstawe keinen Konsum oder Einkaufsmarkt mehr?

Meyer: Also, da muss ich jetzt kurz überlegen. Seit 2006 oder 2007. Nachdem in Dähre der NP-Markt gebaut wurde, ist der Konsum in Wallstawe geschlossen worden. Der ist auch klammheimlich zu gemacht worden, ohne der Bevölkerung Bescheid zu sagen.

Wahrscheinlich, weil die Verantwortlichen wussten, dass es Widerstand gibt...

Meyer: Naja, es ist ja schon etwas durchgesickert, dass unser Konsum dicht gemacht wird, als in Dähre gebaut wurde. Aber eine offizielle Mitteilung gab es nie.

Sie fahren also dann nach Dähre zum Einkaufen?

Meyer: Nein, die Leute hier im Dorf haben sich daran gewöhnt, nach Salzwedel zu fahren. Nur wenn sie zum Arzt wollen, dann fahren sie nach Dähre und kaufen dann dort auch etwas ein. Aber das meiste wird in Salzwedel eingekauft.

Sie selbst haben aber noch ein Auto, um nach Salzwedel reinzufahren?

Meyer: Ja, das schon. Mir tun nur die Leute leid wie Frau Solenski, die diese Möglichkeit nicht mehr haben.

Solenski: Ich nehme immer den Rufbus nach Salzwedel. Ich löse dann auch immer eine Fahrkarte für Hin- und Rückfahrt, weil das einfach günstiger ist. Nur bei Sachen, die ich nicht tragen kann, wie Wasserkästen, bin ich auf meinen Sohn oder Bekannte angewiesen. Wenn ich Rezepte für Medikamente von meinem Arzt abholen will, rufe ich auch vorher an, um mir Wartezeit zu ersparen.

Wo genau kaufen Sie dann ein?

Meyer: Meistens im Kaufland. Wie viele Wallstawer.

Solenski: Ich nutze meist die Geschäfte im Zentrum. Für die großen Märkte habe ich nicht so viel Zeit. Meine Medikamente hole ich beispielsweise immer in derselben Apotheke. Wenn bestimmte Medikamente nicht vorrätig sind oder im Fall einer akuten Erkrankung, lasse ich sie mir auch nach Wallstawe schicken. Kräuter oder bestimmte Gemüse-Sorten baue ich in meinem eigenen Garten an und versorge mich dadurch selbst.

War das ein größerer Markt in Wallstawe oder nur so wie man sich einen typischen Dorfkonsum vorstellt?

Meyer: Nein, der war schon etwas größer. Da sind ja auch die Leute aus den umliegenden Dörfern einkaufen gegangen. Wallstawe war schließlich mal ein zentrales Dorf. Jetzt haben wir kein Gesicht mehr. Die Schule ist geschlossen worden. Wir leben hier im luftleeren Raum. Nur der Kindergarten ist uns noch geblieben. Und die Landfleischerei ist noch hier. Auch die Bäckerei hat schon zu gemacht. Jetzt kommt dreimal in der Woche ein Fahrzeug der Baumkuchenbäckerei.

Kamen die Verkäuferinnen in dem Konsum aus den umliegenden Dörfern?

Meyer: Ja, eine kam aus Umfelde, die andere aus Wiestedt. Dann war noch eine aus Wallstawe, aber die ist schon vor der Schließung verstorben.

Also war der Kontakt zu den Verkäuferinnen recht persönlich?

Meyer: Ja, die meisten Kunden waren mit den Verkäuferinnen per Du. Sie haben auch mit Ratschlägen den Einkauf vereinfacht.

In welcher Hinsicht?

Meyer: Zum Beispiel, wenn jemand etwas Bestimmtes gesucht hatte, haben sie ihm geholfen. Oder sie gaben auch Hinweise, wenn etwas im Angebot war.

Was wäre denn, wenn Sie ihr Auto nicht mehr hätten?

Meyer: Entweder müsste ich mit dem Bus fahren oder eben mit dem Fahrrad nach Salzwedel oder Dähre.

Und wie oft fahren Sie zum Einkaufen?

Meyer: Einmal in der Woche. Jeden Donnerstag. Weil da noch der Bauernmarkt ist. Das nehmen wir gleich noch mit. So brauchen wir nur einmal fahren. Meist erledigen wir dann noch Wege zu den verschiedenen Ämtern und zur Bank. Der Arzt ist ja noch in Dähre, aber der hört ja auch auf. Wir hatten ja früher alles in Wallstawe, auch einen Zahnarzt. Noch kann ich ja Auto fahren. Aber wenn ich an die älteren Mitbürger denke, die 80 oder 85 Jahre alt sind, die können das einfach nicht mehr. Bei manchen kommen dann noch die Kinder vorbei, aber die müssen manchmal auch erst von Salzwedel herkommen.

Solenski: Ein weitere Schwierigkeit besteht auch darin, dass ich bestimmte Termine, wie Arzt- oder Friseurbesuche immer in Abstimmung mit den Busfahrtzeiten vereinbaren kann.

Was kaufen Sie jetzt speziell auf dem Bauernmarkt und was in den großen Einkaufsmärkten?

Meyer: Auf dem Bauernmarkt holen wir vor allem Kartoffeln und Fisch. Dann essen wir dort Mittag, weil das Essen dort ganz gut und auch günstig ist. Außerdem kommt dort alle 14 Tage bis drei Wochen ein Pole mit einem Käsestand, der hat eine ganz bestimmte Käsesorte, die ich gern esse.

Wenn Sie nach Salzwedel reinfahren, treffen Sie dort auch Leute aus Wallstawe?

Meyer: Ja, wir treffen dort öfters jemanden. Ich kenne ja nun auch eine Menge Leute. Die fahren auch viel zum Bauernmarkt.

Ist es denn vorgekommen, dass Sie gefragt wurden, ob Sie diesem oder jenem Dorfbewohner was mitbringen sollen?

Meyer:Nein. Wir bieten es zwar bei unseren Versammlungen der Volkssolidarität auch schon mal an, aber wenn wir nicht wissen, ob die Leute Hilfe in Anspruch nehmen wollen, können wir nichts tun.

Gab es den Konsum schon zu DDR-Zeiten?

Meyer: Ja, das war sozusagen eine Zentrale, von der aus Läden in den umliegenden Dörfern beliefert wurden.