9. Oktober in Leipzig, 26. Oktober in Salzwedel, 9. November in Berlin - die Menschen in der DDR erkämpfen sich ihre Freiheit. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls drucken wir die Rede, die Pfarrer Matthias Friske am 26. Oktober zur Einführung bei der Gedenkveranstaltung in der Katharinenkirche gehalten hat.

Jede Generation hat ihre pra¨genden Erinnerungen. Als ich noch ein Kind war, konnte die Eltern- und Großelterngeneration von Ereignissen der Nazidiktatur und des Zweiten Weltkrieges berichten. All ihr Handeln war gepra¨gt von dieser Zeit, aber auch noch von den Erlebnissen der Stalin-Zeit.

Ich selbst hatte dann das Glu¨ck, aktiv die friedliche Revolution in der DDR miterleben zu du¨rfen. Es war ein Erlebnis, das mir zeigte, dass manchmal Dinge geschehen ko¨nnen, die man nicht zu ertra¨umen hofft.

Am 9. Oktober 1989 als die Großdemonstration in Leipzig friedlich blieb und sich abzuzeichnen begann, dass der Lauf des Sozialismus zwar nicht von Ochs und Esel, wohl aber von den mutigen Menschen auf der Straße, aufgehalten werden konnte, ha¨tte ich nicht im Traum daran gedacht, in weniger als einem Jahr in einem vereinten Vaterland leben zu ko¨nnen.

Diese Entwicklung war ein großes Geschenk

Dass es so kam, gleicht noch heute einem Wunder und hat zumindest mich gelehrt, dass wir die Hoffnung nie aufgeben sollen. Auch die meisten Menschen, mit denen ich damals verkehrte, haben diese Entwicklung als ein großes Geschenk begriffen. Ein Geschenk, das wir Ostdeutschen uns tatsa¨chlich zum großen Teil selber machen konnten, durch mutiges Auftreten gegen die SED-Diktatur.

Es wa¨re aber nur ein halbes Geschenk geblieben, ha¨tte man dabei verharrt, die Grenzen der Zeit des Eisernen Vorhangs als fu¨r die Ewigkeit festgeschrieben zu betrachten. Die friedliche Revolution in der DDR ist nicht denkbar ohne das, was danach geschah.

Deshalb befremdet es einen heutigen Leser vielleicht auch, wenn auf dem Thesenpapier des Neuen Forums vom 26. Oktober hier in Salzwedel ein Punkt zu finden ist, in dem es heißt "Wir sagen Nein zur Wiedervereinigungsdiskussion". Solch ein Punkt ist nur erkla¨rbar aus der damaligen Zeit.

Natu¨rlich war es damals so, dass man nicht mit den gesamtdeutschen Forderungen des 17. Juni 1953 an die O¨ffentlichkeit gehen konnte, weil jeder wusste, dass man damit als Staatsfeind sofort verhaftet worden wa¨re. Aber es gab eben auch jene - und sie waren gerade unter denen zu finden, die hier in der Katharinenkirche zuerst protestierten - die meinten, einen besseren Sozialismus schaffen zu ko¨nnen. Die allererste These der Erkla¨rung lautete folgerichtig: "Wir sagen Ja zu einer demokratischen Umgestaltung des Sozialismus in der DDR". Aber solche Thesen waren auch Ende Oktober 1989 schon umstritten und hielten viele Menschen - mich eingeschlossen - davon ab, sich gerade dem Neuen Forum anzuschließen. Es gab ja auch andere Gruppen. Das strikte Festhalten an solchen Thesen durch einen Teil des Neuen Forums brachte schließlich auch das katastrophale Wahlergebnis Anfang 1990 mit hervor.

Überwältigende Mehrheit wollte keine DDR mehr

Denn die Freira¨ume, die durch die ersten Schritte geschaffen wurden, machten sehr bald deutlich, dass die u¨berwa¨ltigende Mehrheit der Menschen im Osten Deutschlands weder irgendeine Form des Sozialismus, noch ein Weiterbestehen der DDR wollte. Nie wieder gab es eine so große Wahlbeteiligung wie im Ma¨rz 1990, als 93,4 Prozent zur Wahl gingen und mit einer großen Zweidrittelmehrheit jene Parteien wa¨hlten, die fu¨r den Weg der deutschen Einheit standen. Es ist bezeichnend, dass immer dann, wenn Menschen sich demokratisch fu¨r oder gegen den Sozialismus entscheiden ko¨nnen, dieser weit abgeschlagen hinten landet.

Das war u¨brigens auch vor dem Herbst 1989 schon so, denn noch vor dem Oktober stand der Sommer des Jahres mit seiner Fluchtwelle in den Westen, ohne den wiederum die Proteste des Herbstes nicht denkbar sind. Geschichte greift immer ineinander und Ergebnisse werden erst hinterher deutlich sichtbar.

Verschiedene Meinungen gehören zur Demokratie

Schon bald gingen dann auch die Wege derjenigen auseinander, die im Herbst 1989 gemeinsam gegen die Diktatur aufgestanden waren. Offenbar fu¨hrte das bei manchen Beteiligten auch zu Verbitterung und Hadern mit dem, was danach kam. Aber unterschiedliche Meinungen geho¨ren eben zu einer Demokratie und im politischen Alltagsgescha¨ft sind andere Menschen gefragt als bei der Ausarbeitung von Thesenpapieren.

In Gespra¨chen mit einigen derjenigen, die hier in Salzwedel im Oktober 1989 aktiv waren, konnte ich die Sorge herausho¨ren, dass die Ereignisse aus jener Zeit in Vergessenheit geraten ko¨nnten und fu¨r mein Empfinden konnte ich dabei durchaus auch eine Art Frontstellung gegen den 9. November, also den Tag des Mauerfalls, wahrnehmen. Frei nach dem Motto: "Das was dann kam, war aber nicht das, was wir damals wollten".

Ich kann mich noch gut erinnern, dass es damals durchaus die Befu¨rchtung gab, die SED ko¨nne die Grenzen nur deshalb geo¨ffnet haben, um die Menschen von der Straße zu bekommen.

Nun, ich glaube, solche Sorge vor dem Vergessen ist vollkommen unbegru¨ndet. Jedem ist klar, dass der 9. November natu¨rlich nicht denkbar ist ohne die friedliche Revolution des Oktober 1989.

Und ich mo¨chte hinzufu¨gen, dass es gerade der Sog der Grenzo¨ffnung war, der alle Erfolge der Zeit zuvor unumkehrbar machte und uns Ostdeutschen letztlich auch viele der Probleme ersparte, die wir bis heute in anderen osteuropa¨ischen La¨ndern wie Ungarn, Polen oder ganz zu schweigen von der Ukraine beobachten ko¨nnen.

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