Mit ihrem Trabi fuhren Andrea und Marko Schmitz in der Nacht des 9. November 1989 als Erste über die Grenze bei Bergen/Dumme. Zehn Jahre später waren sie bei der Jubiläumsfeier mit Hunderten anderen DDR-Autos dabei. Heute empfinden sie immer noch Freude über die neue Freiheit.

Arendsee l "Das war alles unglaublich und einmalig schön", schwärmt Andrea Schmitz aus Arendsee von jener Nacht vor 25 Jahren. Da sah die damals 24-jährige Maßschneiderin im Fernsehen, wie sich die Grenzen zum Westen öffneten, und konnte es kaum fassen. "In meiner ersten Euphorie wäre ich am liebsten sofort losgefahren", erinnert sie sich an den 9. November 1989. Aber ihr Mann Marko und ihr Vater Manni Schommer waren unterwegs, als Rundfunkmechaniker bei Kunden.

"In Zießau, das lag ja damals noch im Grenzgebiet", so Andrea Schmitz. Und als die Männer Stunden später nach Hause kamen, sei sie heilfroh gewesen: "Ich dachte wirklich, dass die vielleicht gleich in den Westen sind."

Waren sie nicht. Und so stießen sie auf das ebenso unerwartete wie überwältigende Ereignis an. Als sie sich entschlossen, selbst über die offene Grenze zu fahren, konnten sie nicht: Beide hatten Sekt getrunken. "Da riefen wir meinen Bruder Aurel, Uhrmacher, an, der war unser Chauffeur", blickt Marko Schmitz zurück. Um Mitternacht ging die Fahrt los Richtung Bergen/Dumme.

"Aber ehe wir dort passieren konnten, dauerte es noch einmal Stunden", so die Arend- seerin. Vorm geschlossenen Schlagbaum wartete eine Endlosschlange von Trabis und Wartburgs. Als der hochgegangen sei, fuhren sie wie durch Niemandsland - "Es war stockdunkel", weiß sie noch. "Als es schlagartig hell war, wussten wir: Jetzt sind wir drüben."

"Wir jubelten, aber die Straßen waren leer."

Andrea Schmitz

Das stimmte nicht ganz. "Die Grenzer auf der anderen Seite warteten noch auf einen Befehl", erzählt sie. Wieder hieß es warten. Mit dem Ausfüllen von Einreiseformularen vertrieben sie sich die Zeit. "Viele, die mit uns ausharrten, gaben nach einer Weile der Endlosigkeit auf", sagt sie. "Aber wir nicht, und das lohnte sich", berichtet sie, immer noch freudestrahlend.

Als die Schranken endlich hochgingen und sie freie Fahrt hatten, waren sie der erste und einzige Trabi. "Wir jubelten, aber die Straßen waren leer - die waren alle wieder nach Hause gegangen, weil sich nichts tat", weiß die Geschäftsfrau noch.

Bis auf einen: "Redakteur Reinhard Stremmler von der Elbe-Jeetzel-Zeitung begrüßte uns herzlich - wir gaben unser erstes Interview", ergänzt Marko Schmitz. Stremmler arbeite heute für den MDR und habe öfter in Arendsee zu tun.

Von Bergen aus ging die Tour der drei Arendseer weiter nach Uelzen und Celle, wo es eine Tante gab. "Die fragte entsetzt: Bleibt ihr für immer? und konnte es kaum fassen, dass da plötzlich die Verwandschaft aus dem Osten vor der Tür stand."

Dann habe sie sie mit einer nie gekannten Frühstücksvielfalt verwöhnt und zum Abholen des Begrüßungsgeldes begleitet. "Nur nach Hause telefonieren ging nicht - das Netz war zusammengebrochen", sagt Andrea Schmitz. Sie hatte zwar Zettel in die Briefkästen der Eltern gesteckt mit der Information: "Wir sind in den Westen, kommen wieder." Aber eben nicht am Freitag, sondern erst am Sonnabend.

"Da kamen uns bei Lüchow lauter Autofahrer entgegen, die in den Westen wollten", beschreibt sie. "Und wir hatten freie Fahrt zurück."