Maria L.* hat es geschafft. Sie lebt als alleinerziehende Mutter in der Altmark, hat Arbeit und sieht wieder eine Zukunft für sich und ihre Kinder. Die aus einem nordafrikanischen Land stammende junge Frau hat zuvor in ihrer Ehe Schreckliches durchlitten.

Altmark l Sie ist stark und sie ist stolz. Ihre Tochter besucht das Gymnasium, deren Geschwistern fällt das Lernen ebenfalls leicht, sie alle sind eine Familie. Doch wenn sie über das Vergangene spricht, rollen Maria L. manchmal die Tränen über das Gesicht. Vor allem wenn sie daran denkt, wie ihre Töchter und Söhne sich gefühlt haben angesichts des Martyriums, das sie durchleben mussten. Ihr Ehemann sah sie als sein Eigentum an und sich dabei durchaus im Recht. So ist es Tradition in seinem Heimatland. Dort steht es dem Familienoberhaupt jederzeit zu, seine Frau zu züchtigen, wenn sie sich nicht seinem Willen fügt - sexuelle Gewalt inbegriffen.

Sie war 15 Jahre alt, als er um ihre Hand anhielt. "Ich sagte Ja, denn ich wollte weg, etwas aus meinem Leben machen", berichtet die junge Frau. Polizistin oder Soldatin wollte sie werden. Vielleicht auch Anwältin oder Ärztin. Und wer weiß, mit wem Vater oder Bruder sie verheiratet hätten, dachte sie damals. "Ich habe erst danach kapiert, was ich gemacht hatte", erzählt die junge Frau.

Ihr Ehemann nimmt sie, nachdem sie noch ein entwürdigendes Ritual und Schläge in seiner Familie über sich ergehen lassen musste, mit nach Deutschland. Sie gelten als politische Flüchtlinge. Marias Papiere werden gefälscht. Alter und Name verändert. Er nimmt ihr das Handy weg, sie darf nicht zu Hause anrufen, keinen Deutschkurs belegen. Beide kommen nach Sachsen-Anhalt. Maria bringt ihr erstes Kind zur Welt, sie leben in einer gemeinsamem Wohnung. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Übergriffen. Er kümmert sich nicht um seine Familie, verbringt seine Zeit in Spielothek, Casino oder mit Kumpels. Es gelingt ihr, ihn zu überreden, dass er sie den Deutschkurs belegen lässt. Sie will sofort das Aufbauseminar anknüpfen, das mit einem Zertifikat abschließt. Maria: "Ich wollte als Dolmetscherin arbeiten."

Soviel Eigenständigkeit akzeptiert er nicht. Immer wieder erduldet sie Schläge und Demütigungen. Die Kinder bekommen alles mit. Sie flieht kurzzeitig in ein Frauenhaus oder zu ihrer Ärztin. "Ich wollte immer wieder zurück in unsere Wohnung, zu unserer Familie", begründet sie ihre Rückkehr. "Als ich mit meinem Sohn hochschwanger war, musste ich zu Untersuchungen zum Arzt. Er sollte auf die Kinder aufpassen. Es hat ein bisschen länger gedauert, da war er total beleidigt und hat mich geschlagen", erinnert sie sich. Die Folge: Das Baby kommt zu früh auf die Welt.

Irgendwann findet sie im unteren Teil ihres Backofens eine Akte mit Kopien ihrer Geburts- und der Heiratsurkunde. Als sie ihn zur Rede stellt, sagt er, "wenn du nochmal fliehst, gebe ich das den Behörden, dann wirst du abgeschoben und die Kinder bleiben hier bei mir."

"Er hat meine Mutter angerufen und gesagt, sie bekommt ihre Tochter als Leiche zurück."

Nachdem er die Wohnungseinrichtung zertrümmert hat, gelingt es ihr, ein Hausverbot zu erwirken. Er hält sich nicht daran, stößt wüste Drohungen aus. "Da war mir klar, ich muss die Wahrheit sagen", erzählt Maria. Ein Anwalt unterstützt sie, als sie den Botschaftsmitarbeitern von den gefälschten Papieren berichtet. Mitarbeiter des Jugendamtes holen sie und ihre Kinder ab, bringen sie in ein Frauenhaus. "Da wusste ich, ich will nie wieder zurück". Er findet sie, schickt Bekannte vorbei, die die Einrichtung bedrohen, Polizeischutz wird nötig. Maria: "Er hat meine Mutter angerufen und gesagt, sie bekommt ihre Tochter als Leiche zurück. Er wollte uns was Schreckliches antun." Da geht es für Mutter und Kinder in die Altmark.

Es kehrt Ruhe in ihr Leben ein. Zum ersten Mal seit so vielen Jahren der Angst und Unterdrückung fühlt sie sich frei. "Ich habe im Frauenhaus soviel Liebe, Wärme und Sicherheit gespürt, es war wie in einer Familie", sagt sie dankbar. Elf Monate bleibt sie in der Obhut, die bürokratischen Erfordernisse werden erledigt, Richter entscheiden über ihren Status und das Aufenthaltsrecht ihrer Kinder. Sie wird für die gefälschten Papiere nicht bestraft, da sie selbst nicht aktiv daran beteiligt war.

"Ich habe soviel Unterstützung bekommen, vom Jobcenter, von der Ausländerbehörde und vielen anderen", berichtet die Mutter, die solange in der Angst gelebt hat, mit ihren Kindern zurück zu müssen, in ein Land, in dem Krieg herrscht. Inzwischen führt sie ein selbstständiges Leben. Das, was ihr angetan wurde, wird sie nie vergessen. "Es ist wie eine Narbe, die bleibt." Sie und ihre Kinder sind psychologisch betreut worden. Sie hofft, dass die Jungen und Mädchen das Erlebte verarbeiten, sie will sie zu freien, weltoffenen Menschen erziehen. Ins Frauenhaus kommt sie gelegentlich noch zu Besuch oder telefoniert mit den Mitarbeiterinnen. "Ich habe gelernt, Nein zu sagen und möchte anderen Frauen Mut machen, auch diesen Weg zu gehen", sagt sie.

*Name von der Redaktion geändert