Salzwedel l Strafrichter Dr. Klaus Hüttermann war am Ende der Verhandlung am gestrigen Dienstag sichtlich von den Aussagen der Prozessbeteiligten genervt. "Wenn wir bei diesem Kindergeburtstag Luftballons aufblasen und in jeden eine Lüge packen würden, wäre der Saal voll", machte Hüttermann den Anwesenden deutlich, dass er von keinem Beteiligten die ganze Wahrheit gehört hat.

Was feststeht: Am 3. August feierten Familie R. und Freunde an einem Garagenkomplex in Mellin Kindergeburtstag. Vor Ort war auch der Angeklagte Boris J. (Namen geändert). Er befand sich ebenfalls mit Angehörigen und Freunden am anderen Ende der Anlage und beschäftigte sich mit seinem Auto. Fast alle, die sich auf dem Gelände befanden, kannten sich. Im Rahmen der Fete tranken die Erwachsenen auch Alkohol. Michal R., einer der beiden Geschädigten, war betrunken. Ein Bluttest ergab bei ihm knapp 2,5 Promille. Er ging zu Boris J. und soll mit ihm das Gespräch gesucht haben. Doch der Angeklagte wollte sich nicht mit ihm unterhalten.

In der Folge kam es zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung, bei der Boris J. Michal R. zwei Mal ins Gesicht schlug. Es sei Notwehr gewesen, erklärte der Angeklagte, da R. mit erhobenen Fäusten auf ihn zuging. Dies bestritt der Geschädigte.

In das Handgemenge mischte sich ebenfalls der jüngere Bruder von Michal R. ein. Pavel R. gab an, dass er den Streit schlichten wollte. Dennoch verpasste ihm Boris J. einen so heftigen Faustschlag ins Gesicht, dass er zwei Schneidezähne und eine Brücke verlor.

Diese Version bestätigten die Zeugen aus dem Dunstkreis von Pavel R.. Allerdings schilderte die Gegenpartei die Sache ganz anders. So soll der jüngere Bruder sich von hinten mit einem Stein in der Hand auf Boris J. bewegt haben. Ein Freund von J. habe den Bruder abgefangen, aber nicht geschlagen.

Eine Sache die ohne jeden Zweifel ist und von der Polizei dokumentiert wurde: Am Ende der Keilerei gab es zwei Verletzte. Michal R.s Gesicht war blutüberströmt, er hatte eine dicke Lippe und die Ecke eines Schneidezahns war abgeplatzt. Seinem jüngeren Brüder fehlten zwei Schneidezähne und seine Brücke war kaputt.

Verfahren gegen Zahlung von 2000 Euro eingestellt

Um das Verfahren zu einem Abschluss zu bringen, der für beide Seiten akzeptabel ist, führten Anklage, Verteidigung und Nebenklage, moderiert von Strafrichter Klaus Hüttermann, intensive Gespräche. Als Ergebnis kam eine vorläufige Verfahrenseinstellung heraus. Wenn Boris J. innerhalb von sechs Monaten 2000 Euro an Pavel R. überweist, ist die Sache für den Angeklagten, der bisher keine Vorstrafen hat, ausgestanden - was die strafrechtliche Komponente betrifft.

Wahrschlich wird auf Boris J. noch ein Zivilverfahren zukommen. Denn nach eigenen Angaben sind dem jüngeren Brüder durch die Verletzung Zahnarztkosten in Höhe von 4300 Euro entstanden. Diese will er sich in einem gesonderten Prozess zurückholen.

Neben den genannten Verletzungen bleibt aber noch ein Schaden, der nicht mit Geld aufgewogen werden kann - nämlich der zerstörte Kindergeburtstag. "Die Kinder haben wahnsinnig gekreischt", berichtete der Schwager von Michal R.

Die Frau des Verletzten berichtete außerdem, dass ihr Kind, dessen Geburtstag gefeiert wurde, unter Schock stand und zwei Tage kaum gesprochen habe. Sie habe kurz nach dem Streit Boris J. vorgehalten, den sie seit den Jugendjahren kenne, dass er den Geburtstag ihres Sohnes versaut habe. Das ist wahrscheinlich der größte Schaden, den die Heißsporne angerichtete haben.