Deutschlandweit prämierte Kleinkunst gab es am Freitag im Kulturhaus zu sehen. Der Puppenspieler Michael Hatzius präsentierte sein Programm "Die Echse & Freunde". Zwar können Reptilien nicht weinen, aber bei drei Stunden voller Schabernack blieb kein Auge trocken.

Salzwedel l Abgewetzte, unförmige Ledersachen, ausgestattet mit einem Jute-Beutel mit Supermarkt-Aufdruck, fahle, schuppige Haut und immer mit einer Zigarre unterwegs: Doch die "Echse" zeigt, dass es nicht auf die äußeren Werte ankommt. Die Reptilienpuppe begeistert trotzdem in ausverkauften Sälen und war dieses Jahr sogar mit eigener Sendung im Fernsehen zu sehen.

"Evolution, das ist so meine Schiene"

Die Story ist eigentlich altbekannt, denn viele der Gags hat die Echse bereits vor vier Jahren bei ihrem ersten Auftritt in Salzwedel im Hanseat präsentiert. Damals war die Echse noch augenscheinlich am Beginn ihrer Karriere, aber der Eindruck trügt. Denn das Reptil hat laut eigener Aussage alles miterlebt. "Evolution, das ist so meine Schiene", ist das Motto des Reptils. Ein leidvoller Erfahrungsbericht von allem Anfang: "Der Urknall, tierisch laut! Hat mir die Ohren weggeballert, hab` bis heute keine neuen." Die Geschichten erzählten zum Beispiel vom "Amphibientheater" mit seinem Freund Ari(stoteles), dem Kampf als Panzerechse gegen Julius "Zebra" mit einem noch damals quadratischen und bedachten Kolosseum in Rom oder dem ersten Job der Echse, als Babysitter von Jesus und Hilfe seines Myrrhe-abhängigen Vaters Josef.

Doch das Programm von Michael Hatzius ist viel mehr als eine Reptilien-Märchenstunde. Der Umgang des Künstlers mit seiner Echsen-Puppe war sehr faszinierend. Hatzius übernahm zwar während des Programms die Rolle eines "Brandschützers" und spielte auch sich selbst, doch sobald die Echse auf der Bühne war, verschmolz er mit dem Reptil zu einem Charakter. Die Echse, ein Macho, Besserwisser und Prahler erster Klasse, kokettierte mit der Anwesenheit von Hatzius: "Er ist meine gesundheitliche Hilfe gegen Rückenschmerzen. Da kann man mal sehen, das ist es, was die Kasse zahlt." Brillant waren auch die Szenen, in denen die Echse selbst Puppenspieler wurde und einem Plüschkrokodil Leben einhauchte sowie als Wahrsager fungierte ("Ich wusste schon immer, dass ich ein Medium bin und durch mich eine fremde Stimme spricht!").

Hatzius hatte sich gut über Salzwedel informiert und ließ dies schlagfertig in viele Szenen einfließen, wie dem Wahrsager-Auftritt. Das Publikum konnte ihm Fragen über die Zukunft stellen. Wann der Berliner Flughafen fertig wird, wollte jemand wissen, doch die Echse entgegnete nur gekonnt: "Baut ihr doch erstmal eure Turnhalle zu Ende!" und spielte damit auf die Sportstätte im Jahngymnasium an. Doch die wahre Antwort auf die Fertigstellung des Flughafens konnte nicht gegeben werden. "Denn meine Wahrsagerkugel hat einen Haken", so die Echse. "Sie kann zwar die Zukunft voraussagen, aber nichts darüber hinaus." Dieses Improvisationstalent und die Schlagfertigkeit des Künstlers über die ganzen drei Stunden hinweg rundeten das Programm zu einer vollen Glanzleistung ab. Auch die Wandelbarkeit, die Hatzius mit anderen Puppen wie einem scheuen Huhn, einer Stasi-paranoiden Kobra und einem dementen Krokodil zeigte, war einzigartig. Nächstes Jahr ist der Künstler mit seinem neuen Programm "Echstasy" unterwegs und man darf gespannt sein, wie sich dieses Talent weiterentwickelt.

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