Weihnachten ist das Fest der Familie. Doch nicht alle Salzwedeler haben Angehörige oder ein Zuhause. Seit 20 Jahren kochen Christa Rietzschel und ihre Helfer vor Heiligabend für Obdachlose. Für die Betroffenen sind es Stunden in einer verloren geglaubten Welt.

Salzwedel l Wer am Donnerstagmittag an der Tafel von Christa Rietzschel Platz nimmt, fühlt sich fast wie einst zuhause bei den Eltern. Ein prachtvoll geschmückter Weihnachtsbaum empfängt die Gäste. Leise Adventsmusik klingt durch den Raum. Und die eingedeckte Tafel mit weißer Tischdecke sowie der Duft nach Rotkohl und Rouladen künden von einem Festessen, ganz wie früher - zu Weihnachten, in der Kinderzeit.

Die, die an diesem nassgrauen Dezembermittag an der Tür von Christa Rietzschel und ihrer Familie klingeln, sind allerdings weder Verwandte noch Freunde. Es sind einsame Menschen, die ganz unten angekommen sind. Es sind die Obdachlosen von Salzwedel.

Das Stückchen Heimat und die Erinnerung an eine heilere Welt, die die Besucher hier in dem kleinen Einfamilienhaus an der Schillerstraße vorfinden, nehmen sie so dankbar an, dass der pensionierten Krankenschwester Rietzschel auch in diesem Jahr das Herz aufgeht. "Die Leute, die nichts haben, sind so bescheiden", flüstert die 75-Jährige beim Essen. Schon oft sei es vorgekommen, dass sich Obdachlose bei ihr mit Blumen bedankt haben. Anlässe dafür dürfte es in den vergangenen Jahrzehnten auch jenseits ungezählter Weihnachtsessen genügend gegeben haben. Denn die ehemalige Krankenschwester setzt sich seit der Wendezeit in vielen Lebenslagen für die Belange ihrer Schützlinge ein. So hilft sie bei der Arbeits- und Wohnungssuche, besucht mit den Betroffenen Ärzte oder begleitet sie bei Behördengängen.

Die Geschichten der Menschen, die seit nunmehr 20 Jahren vor Heiligabend an der Tafel zusammenkommen, gleichen sich: Oft haben sie Arbeit oder Partner verloren. Eine Räumungsklage für die Wohnung - und schon sitzen die Leute auf der Straße. "Der Weg nach unten ist kürzer als viele glauben", sagt Christa Rietzschel. Häufig sorgen Alkohol oder Drogen gegen den Seelenschmerz dafür, dass die Talfahrt noch schneller geht.

Ein Obdachloser nennt sie "Mutti" Rietzschel

Auch wenn es zynisch klingen mag: Menschen, die in Salzwedel wohnungslos werden, haben Glück im Unglück. Denn mit dem von der Stadt betriebenen Obdachlosenheim Am Martinskamp finden sie eine kleine, aber gepflegte Unterkunft vor. Und mit Christa Rietzschel sowie Helfern wie Stadtmitarbeiterin Angelika Schlawin oder Stadtrat Burkhard Rechel können sie auf ein Netz von Unterstützern zählen, von der Wohnungslose in Großstädten wie Lüneburg oder Magdeburg nur träumen können. Eine ganze Reihe von Salzwedeler Firmen leistet mit ihren Spenden ebenfalls einen großen Beitrag.

Manchem Betroffenen haben Rietzschel und ihre Helfer in den vergangenen Jahren aus ihrer Lebenskrise heraushelfen können. Und so war der Abschied von "Mutti" Rietzschel, wie ein Obdachloser sie am Donnerstag nennt, für sie selbst meist wohl auch Bestätigung und ein Grund zur Freude.

Eben diese Freude mag der Grund dafür sein, dass sie auch mit ihren 75 Jahren noch nicht von ihrer Aufgabe lassen kann.

Doch längst nicht alle Geschichten gehen gut aus. Für einige ist das Obdachlosenheim auch die letzte Unterkunft ihres Lebens. Christa Rietzschel nimmt es hin, auch den Einsamsten unter den Einsamen steht sie bei. Und so wird sie am Heiligen Abend wieder zu ihren Obdachlosen fahren. Im Gepäck hat sie dann eine Schüssel Kartoffelsalat, das steht bereits fest. Als sie an der Mittagstafel davon erzählt, leuchten die blauen Augen der alten Salzwedelerin.

Wer sie in diesem Moment anschaut, versteht, warum sich Christa Rietzschel weiter um ihre Obdachlosen kümmern muss.