Arendsee l Der Schreck sitzt ihr noch in den Knochen, die Furcht vor den Folgen ebenso: Denise Stasiak aus Arendsee hatte Mitte Dezember plötzlich einen ellenlangen Kettenbrief auf ihrem Smartphone. Sie solle den Brief sofort an ihre Freunde weiterleiten, verlangte der unbekannte, sich Damian nennende Whatsapp-Absender. Tue sie das nicht, werde er nachts in ihr Zimmer kommen und sie in der Dunkelheit erschrecken und beobachten. Weigere sie sich weiter, drohte er ihr Gewalt an.

"Wir haben ihr klargemacht, dass ihr nichts passieren kann." - Enrico Stasiak

Seine bis hin zu Morddrohungen reichenden Beschimpfungen erstreckten sich auf die ganze Familie der Fünftklässlerin. Die Beschreibungen des blutigen Gemetzels versetzten das Mädchen so in Angst und Schrecken, dass sie am nächsten Tag ihren Eltern davon berichtete.

Claudia und Enrico Stasiak bestärkten ihre Tochter, sich keinesfalls an der Kettenbrief- aktion zu beteiligen. "Ich hatte schon von solchen Briefen und Drohungen gehört, aber ich war entsetzt von dem Gewaltpotenzial", erklärte die Mutter. Sie hatte Mühe, Denise zu beruhigen. "Wir haben ihr klargemacht, dass ihr nichts passieren kann", fügte Enrico Stasiak hinzu.

Von einer Anzeige bei der Polizei allerdings halte er gar nichts: "Eine Strafanzeige gegen Unbekannt - die verläuft sowieso im Sande und bringt nichts", schätzt er ein.

Das sieht Polizeisprecher Frank Semisch von der Salzwedeler Kripo etwas anders. "Wer sich bedroht fühlt, auch durch einen Kettenbrief, sollte sich auf jeden Fall Rat bei der Polizei holen", sagte er - und dann gegebenenfalls Anzeige erstatten. Ob diese dann Erfolg hat, stehe auf einem anderen Blatt.

Aber grundsätzlich empfehle die Polizei, solche Kettenbriefe nicht weiterzuleiten, sondern zu löschen und damit die Aktion zu stoppen. "Denn zum einen macht man sich durch das Verschicken selbst strafbar. Zum anderen ruft man ja bei den Adressaten dann selbst die Ängste und unguten Gefühle hervor, die einen selbst beunruhigten", so Semisch.

Ganz besonders ans Herz lege er allen Betroffenen, sich mit so einem Problem an eine am besten erwachsene Vertrauensperson zu wenden.

Kurz vor den Weihnachtsferien sprach Claudia Stasiak mit Schulleiter Klaus-Dieter Leppin über das Problem. "Ich wollte, dass an der Fontane-Gemeinschaftsschule andere Schüler vor solchen Nachrichten gewarnt werden", meinte sie.

"Unsere Lehrer haben vor allem in den beiden fünften Klassen über das Thema gesprochen und sie aufgefordert, im Falle von solchen Kettenbriefen diese sofort zu löschen", sagte Leppin gestern im Gespräch mit der Volksstimme. "Außerdem empfehlen wir den Schülern, sich an ihre Eltern zu wenden." Er sei der Ansicht, dass der Gebrauch von Technik und Medien stärker kontrolliert werden müsse. "Die Eltern sollten wissen, was ihre Kinder konsumieren", betonte er.

Sozialpädagogin Janine Gyhra kennt das Handy-Problem, hat auch schon Schüler beraten wegen unliebsamer Nachrichten und Zwistigkeiten, die per Whatsapp ausgetragen wurden. "Ich hatte selbst vor einigen Tagen einen Kettenbrief zum Weiterleiten bekommen", bekannte sie. "Den habe ich sofort gelöscht." Man könne so eine Nummer auch nur blockieren, dann bleibe sie aber im Smartphone gespeichert. "Das wollte ich nicht", machte sie ihren Standpunkt deutlich.

Auch den Schülern, die zur Beratung zu ihr kommen, lege sie ans Herz, sich gegenüber Internetkontakten, Beschimpfungen oder anderen Mobbingsaktionen abzugrenzen. "Darauf darf man sich einfach gar nicht erst einlassen."

Ohnehin herrscht an der Arendseer Fontaneschule Handyverbot. "Das gilt während der gesamten Unterrichtszeit", versicherte Leppin. Das diene dem Lernen, der Konzentration und der Kommunikation miteinander.

Denise ist froh, nicht allein in ihrer Not gewesen zu sein. Die Elfjährige kann sich nun wieder auf die Schule und ihre Lieblingsfächer Kunst und Sport konzentrieren oder ihren Hobbys nachgehen - malen.