Der Salzwedeler Hospizverein hat mit Gudrun Bollow eine neue Vorsitzende. Volksstimme-Redakteur Alexander Walter sprach mit ihr und Vorgängerin Sabine Spangenberg über den Wechsel im Vorstand, die Arbeit mit sterbenden Patienten und den Umgang mit dem Tod.

Volksstimme: Frau Spangenberg, nach 13 Jahren als Vorsitzende des Salzwedeler Hospizvereins haben Sie das Amt abgegeben, warum gerade jetzt?

Sabine Spangenberg: Zuerst muss man sagen, dass es sich um eine normale Vorstandswahl handelte. Ich hatte aber zuletzt schon mehrmals gesagt, ich möchte nicht mehr die Vorsitzende sein. Für die Initialzündung hat dann das Gespräch mit einer Frau gesorgt, die auf Reisen gegangen war. Da hab ich gedacht: Wenn ich noch was machen will, dann jetzt. Und so werde ich nun, mit 69 Jahren, für drei Monate mit meinem Rucksack nach Neuseeland fahren. Natürlich bleibe ich aber weiter im Verein aktiv.

Frau Bollow, Sie sind die neue Vorsitzende. Wie soll es weitergehen nach der Ära Sabine Spangenberg?

Gudrun Bollow: Wir wollen jetzt erst einmal viele neue Mitglieder werben und unsere Netzwerke etwa zum Hospizverein Lüchow-Dannenberg oder zum Hospiz Stendal ausbauen. Wir können jede Unterstützung brauchen. Viele Aufgaben werden wir auch auf neue Schultern verteilen müssen. Ansonsten wollen wir an die bisherige Arbeit anknüpfen, denn wir haben viel erreicht. So haben wir ein Büro in Salzwedel eingerichtet, eine Trauergruppe ins Leben gerufen und im Februar gehen wir mit dem Projekt "Hospiz macht Schule" an die Salzwedeler Perver-Grundschule.

"Viele Familien können die Sterbebegleitung allein nicht leisten."

Sabine Spangenberg

Warum ist das Thema Tod etwas, mit dem sich Kinder befassen sollten?

Gudrun Bollow: Dazu muss man wissen, dass wir zu einer Weiterbildung in Berlin waren, bei der das Projekt vorgestellt wurde. Und wir waren total begeistert. Das Thema Tod begegnet Kindern ja im Alltag häufig - Da stirbt die Oma oder ein Haustier. Wir wollen dafür sorgen, dass bei Kindern erst gar keine Ängste beim Umgang mit dem Tod entstehen.

Sabine Spangenberg: Und wir wollen Brücken zu den verunsicherten Eltern schlagen, die ihre Kinder schützen wollen. Auch sie werden am Projekt in der Perver-Grundschule beteiligt.

Ihr Kernanliegen ist ja die Begleitung totkranker Menschen durch ehrenamtliche Mitglieder zu Hause. Wie kommt es, dass die Hospizarbeit seit der Wende in den Neuen Bundesländern immer präsenter wurde?

Sabine Spangenberg: Die Gesellschaft verändert sich. Es gibt immer mehr Singles und viele Familien können die Sterbebegleitung heute nicht mehr allein leisten. In der klassischen Familie hat sich die Frau um solche Dinge gekümmert. Aber viele Frauen sind heute berufstätig. Ich glaube, bei vielen Sterbenden gibt es auch die Sehnsucht, im letzten Abschnitt des Lebens zu Hause sein zu können.

Worum geht es in der Begegnung mit den Kranken und deren Familien?

Gudrun Bollow: Manche wollen einfach die Familie schonen und vertrauen den Begleitern ihre Ängste an. Oft ist es aber auch schon zu spät, so dass die Gespräche dann eher mit den Angehörigen stattfinden. Wichtig ist für uns, dass die Kranken genau wissen, wer da zu ihnen kommt. Wir sind ja nicht irgendein Dienst.

Sabine Spangenberg: Unser Anliegen ist es auch, zu zeigen, dass es das Gesprächsangebot gibt. Dass da jemand ist, mit dem man auch über negative Gefühle wie Wut sprechen kann. Das gilt für die Sterbenden, aber genauso für die Angehörigen.

"Seitdem ich mich mit dem Tod beschäftige, habe ich weniger Angst."

Gudrun Bollow

Wer sind eigentlich Ihre Mitglieder? Und wie wird man Sterbebegleiter?

Sabine Spangenberg: Die meisten von uns sind berufstätig und Frauen. Diese Arbeit ist ja etwas Soziales (lacht). Aber wir haben auch zwei Männer in unserer Gruppe. Die Mitglieder müssen vor dem Kontakt mit den Sterbenden immer einen Vorbereitungskurs absolvieren. Danach kann sich jeder die Zeit selbst einteilen und entscheiden, wie viel er macht. Einmal im Monat haben wir außerdem eine Supervision, bei der die Mitglieder über ihre Erfahrungen sprechen können. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Familien der Sterbebegleiter ihre Arbeit sehr unterstützen.

Wie verändert sich die eigene Einstellung zum Thema Tod, wenn man so häufig damit zu tun hat?

Gudrun Bollow: Ich muss sagen, seitdem ich mich damit beschäftige, habe ich weniger Angst vor dem Tod. Wie es aussieht, wenn man irgendwann selbst betroffen ist, weiß ich natürlich nicht. Aber ich denke, bei meiner Arbeit als Krankenschwester kann ich inzwischen besser damit umgehen.

Spielt auch das Thema Glaube bei Ihrer Arbeit ein Rolle?

Gudrun Bollow: Ich weiß, der Tod kann sehr friedlich sein. Ich hatte schon mehrmals die Situation, dass ich im Krankenhaus eine Kerze in das Zimmer eines Sterbenden gestellt habe, und als sie aus war, war auch der Patient gestorben. Aber was nach dem Tod kommt, weiß ich nicht. Insofern spielt der Glaube weniger eine Rolle.