US-Amerikanische Streitkräfte nahmen am 14. April 1945 Salzwedel ein. In den kommenden Tagen veröffentlicht die Volksstimme eine Serie zu den Ereignissen in der Hansestadt im Frühjahr 1945.

Salzwedel (mhd) l Die Herrschaft der Nationalsozialisten endete in Salzwedel vor fast genau 70 Jahren am 14. April 1945 mit dem Einmarsch der US-Amerikaner. Doch bereits einige Tage vor der Besetzung durch die alliierten Streitkräfte herrschte in der Stadt Aufregung und mutige Bürger Salzwedels setzen alles daran, dass die Stadt nicht zum Kampfschauplatz und zerstört wird.

In den Chroniken von William Stappenbeck sind die Ereignisse rund um den 14. April 1945 festgehalten. Vor allem die Erinnerungen des Geschäftsmannes und Stadtrates Karl Peters zeichnen ein lebendiges Bild dieser Tage:

"Am 10. April ging ich auf das Rathaus und begrüßte den Bürgermeister Holtzhausen mit `Guten Morgen`. Dieser regte sich darüber auf, mehr aber noch, als ich ihn aufforderte, sein goldumrändertes Parteiabzeichen abzulegen, denn der Ortsgruppenleiter Levin habe am Sonntag, den 8. April, in der Versammlung der politischen Leiter erklärt, alle Parteiabzeichen seien nach und nach abzulegen, Ausweise und Uniformen zu verbrennen, der Feind könne jeden Tag kommen. Der Bürgermeister sagte, er wüsste, dass er sterben müsse, aber dann wolle er es mit dem Parteiabzeichen.

Ein Versuch, den Landrat Dr. Zilch am gleichen Tage zu sprechen, scheiterte an den vielen im Vorzimmer wartenden Personen. Ich bat ihn deshalb fernmündlich in unser Geschäftshaus, das dem Landratsamt gegenüber liegt. Er kam gegen 12 Uhr. Ich legte ihm ans Herz, die Bombardierung Salzwedels auf jeden Fall zu vermeiden, und fragte ihn, ob er Salzwedel fernmündlich den Amerikanern anbieten könne, jedoch lehnte er das ab. Auch die Entsendung eines Parlamentärs nach Brunau mit weißer Fahne zur Übergabe der Stadt wies der Landrat entrüstet von sich. Er war der Meinung, Salzwedel würde nicht verteidigt, weil sich die Stadt nicht gut verteidigen ließe. Ferner warnte er mich noch, irgendetwas zu unternehmen, etwa eine Versammlung aller Geschäftsleute. Ich würde dann zur Verantwortung gezogen. Salzwedel sei immer noch Hoheitsgebiet des Reiches.

Am Nachmittage des 10. Aprils traf ich in der Gertraudenstraße den kommissarischen Kreisleiter Fritz Hildebrand, der meine geäußerten Bedenken wegen der Bombardierung, zu zerstreuen suchte. Er sagte, die Deutschen hätten westlich Hannover eine neue Verteidigungslinie gebildet, fünf Divisionen seien in den Kampf geworfen. Er habe soeben mit Reichsleiter Bormann telefoniert. Was Levin am Sonntag den politischen Leitern vorgetragen habe, sei Unsinn. Am anderen Tage würde eine entsprechende Erklärung in der Zeitung stehen. Die Partei erfülle nach wie vor ihre Pflicht. Ich hielt ihm die furchtbaren Folgen einer Vernichtung der Stadt vor, wies auch darauf hin, dass durch die Verteidigung Salzwedels das Kriegsgeschehen nicht im geringsten beeinflusst würde. Schlimm wäre es, dass unsere Führung nicht einsehe, der Krieg sei verloren und jeder Tag Krieg bedeute ungeheure Verluste am Gut und Leben Deutschlands.

Lächelnd erwiderte der Kreisleiter: Dann soll ich wohl zu Bormann sagen: Macht Schluss? Und auf meine Zustimmung setzte er hinzu: `Karl, Du wirst lachen, aber ich glaube immer noch an einen deutschen Sieg !` Ich entgegnete: Wie wäre eine solche Wendung möglich ohne Benzin, ohne Kohlen, ohne Eisen, ohne Nahrungsmittel auf engstem Raum zusammengedrängt!

Morgen lesen Sie eine weitere Folge der Serie "Die Befreiung Salzwedels vor 70 Jahren".