Die Bürger des Altmarkkreises erweisen sich Flüchtlingen gegenüber als hilfsbereit. Übergriffe oder Drohungen sind bisher nicht bekannt.

Salzwedel l Eigentlich wollte Hassan Rahini aus Afghanistan gestern Nachmittag im Mehrgenerationenhaus an der Salzwedeler Sonnenstraße am Deutschkurs teilnehmen. Doch seine Mitstreiter waren kurzfristig zu einer anderen Veranstaltung aufgebrochen. Das Sprachtraining fiel aus. Und so nutzte er die Gelegenheit, mit der Aussiedlerberaterin Nadja Kell gemeinsam Behördenanträge auszufüllen. Rund zwölf Asylbewerber und Bürgerkriegsflüchtlinge nehmen täglich Angebote zur Sprachförderung und Beratung im Mehrgenerationenhaus an, berichtet dessen Leiter Alexander Rekow. Hinzu kommen etwa 20 Kinder und Erwachsene, die Freizeitangebote wahrnehmen, Spiel und Spaß oder Hausaufgabenhilfe für die Jüngsten, die Kaffeerunde mit der Möglichkeit zu Gesprächen für die Älteren.

"Die Bevölkerung ist sensibilisiert und gewillt zu helfen. Das merken wir an einer immer größeren Resonanz", sagt Alexander Rekow. Das "Stöberstübchen" der Einrichtung platzt aus allen Nähten. Viel Kleidung und Sachspenden sind in jüngerer Zeit eingegangen. Rekow erzählt erfreut: "Wir kommen langsam an unsere Kapazitätsgrenze." Doch viele Dinge - besonders Kinderbetten und -wagen, Fahrräder und ähnliches - seien heiß begehrt.

Besonders freut er sich über ein neues Angebot. Francesco Raga, der aus Italien stammt und einst selbst Deutsch lernen musste, bietet Sprachunterricht in Bildern an.

In Kalbe gibt es ebenfalls ein großes ehrenamtliches Engagement. So erhalten die Neubürger auf Initiative des Künstlerstadt-Vereins zweimal in der Woche über mehrere Stunden kostenlosen Deutschunterricht, für den eine pensionierte Lehrerin verantwortlich zeichnet. Ihr Name: Kerstin Stirnat. Lange Zeit arbeitete sie für lau, finanzierte teilweise sogar das Schulmaterial selbst, da Deutschunterricht für nicht anerkannte Asylbewerber ja von behördlicher Seite nicht vorgesehen ist. Mittlerweile hat sie einen Honorarvertrag über die Kreisvolkshochschule erhalten, da der Landkreis nicht untätig bleiben wollte.

Und auch der zuständige Kreis-Dezernent Hans Thiele lobt die Westaltmärker: "Die Bevölkerung hat die Menschen bislang sehr herzlich aufgenommen. Es gibt viel Unterstützung von ehrenamtlichen Initiativen, aber auch ganz spontan von Bürgern, die helfen wollen." Vorkommnisse oder Drohungen gegen Asylbewerber und Flüchtlinge habe es im Altmarkkreis bisher nicht gegeben.

Jeden Monat kommen rund 40 von ihnen in den Kreis, aktuell sind es 469. 323 sind in Wohnungen in Gardelegen, Kalbe, Pretzier und in der Kernstadt von Salzwedel untergebracht. 146 leben in den beiden Gemeinschaftsunterkünften in Gardelegen und Salzwedel. "Wir sind ständig auf Wohnungssuche", sagt Thiele seufzend. Fündig wurden er und seine Mitarbeiter in Pretzier - dort sollen maximal noch zehn Wohnungen gemietet werden - und in Mieste. Voraussetzung ist, dass in den Orten Grundschule, Kindertagesstätte, Einkaufsmöglichkeiten und ein Arzt vorhanden sind. Außerdem ist geplant, das Wohnheim des Vereins zur Förderung der beruflichen Bildung (VFB) in Salzwedel umzubauen.

Ärger sei bisher weitgehend ausgeblieben. Bis auf "den ganz normalen Nachbarschaftsstreit", wie beispielsweise zur Mülltrennung, die viele Ausländer nicht kennen, oder Ruhezeiten. "Und da wollen wir uns gern schlichtend einbringen", sagt Thiele.