Salzwedel/Jena (zä) l Sie stammt aus Salzwedel und erforscht an der Universität Jena kulturelle Leitbilder von Lebensformen und Geschlechterrollen: Prof. Sylka Scholz.

"Ich hab immer nur dich geliebt und lieber sterben wollen, als einen anderen Mann nehmen." Vor der großartigen Kulisse der Tiroler Alpen sinkt die wohlhabende Bauerstochter Wally ihrem Joseph in die Arme. Gegen den Widerstand des Vaters und gegen die Konventionen der dörflichen Gemeinschaft hat sie für ihre Liebe zu Joseph gekämpft und nie aufgegeben. Als der Vater stirbt, ist der Weg für sie und Joseph frei und es kommt zum filmischen Happy End.

Die Liebesheirat, mit der der Filmklassiker "Geier-Wally" endet, spiegele eine Leitidee der 1950er Jahre wider, sagt Prof. Sylka Scholz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Die romantische Liebe wird hier als ideale Grundlage einer Ehe präsentiert", macht die Professorin für Qualitative Methoden und Mikrosoziologie deutlich. "Zugleich offenbart die Beziehung zwischen Wally und Joseph aber auch ein klassisches, polarisiertes Geschlechterverhältnis." So legt Wally mit der Eheschließung ihre als wenig weiblich geltende Lebensweise ab - sie lebte zuvor allein und unabhängig in der rauen Natur der Berge - und fügt sich sowohl in die geschlechtsspezifische Aufgabenteilung der Ehe als auch in die dörfliche Gemeinschaft.

Wie sich Ideale von Liebe, Partnerschaft und Familie sowie Geschlechterrollen in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland verändert haben, das untersucht die Salzwedelerin mit einer Reihe unterschiedlicher Methoden wie der Biografieforschung oder der Bild- und Filmanalyse. Dazu nutzt die Soziologin unter anderem das Genre des deutschen Heimatfilms. Doch auch in populärer Ratgeberliteratur zu Beziehung und Partnerschaft wird sie fündig.

Unterschiede zwischen Ost und West

Dabei interessiert sie sich vor allem für die nach wie vor bestehenden Unterschiede zwischen Ost- und West-Deutschland. Was etwa die Phase der Familiengründung angehe, sei Deutschland noch immer ein zweigeteiltes Land: Die Zahl der unehelich geborenen Kinder sei im ehemaligen Ostteil mit rund 60 Prozent viermal so hoch wie im Westen. Dies liege vor allem daran, dass in Westdeutschland noch immer das Modell des männlichen Familienernährers weit verbreitet ist, erläutert Sylka Scholz. "Das heißt, die Familiengründung erfolgt dort in der Regel erst, wenn die männliche Berufskarriere konsolidiert ist." Im Osten dagegen lassen sich Paare bereits zu einem früheren Zeitpunkt ihrer Beziehung auf ein Kind ein, noch ohne Trauschein und oft direkt nach der Ausbildung oder dem Studium.

Allerdings finde diese Zweiteilung bislang kaum Eingang in den öffentlichen Diskurs oder die Politik. "Wenn wir heute über die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse in Deutschland sprechen, dann meinen wir in der Regel die Entwicklung im Westen", stellt Sylka Scholz fest. Es gebe in den kulturellen Leitideen zu Partnerschaft und Familie auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung eine "Hegemonie der westdeutschen Mittelschicht".

Die findet Scholz auch in der "Geier-Wally"-Geschichte wieder. Der Stoff ist in den zurückliegenden Jahrzehnten mehrfach verfilmt worden und die Sicht auf die Protagonisten hat sich verändert. "Es lässt sich darin durchaus eine moderate Modernisierung der Geschlechterverhältnisse beobachten", sagt Scholz. Doch im Kern blieben die Rollenzuschreibungen in der Paarbeziehung bestehen, auch wenn Wally in der jüngsten Verfilmung berufstätig und Joseph alleinerziehender Vater ist.

Sylka Scholz hat an der Humboldt-Universität zu Berlin Kulturwissenschaft, Soziologie und Interkulturelle Arbeit studiert und wurde 2003 an der Uni Potsdam mit einer Arbeit über Identität und Rollenverständnis ostdeutscher Männer während des Systemumbruchs in der DDR promoviert. 2009 habilitierte sie sich an der TU Dresden.