35 Jahre Brieffreundschaft verbinden Traudi Starck aus Binde und Debra McCarney aus Wales. Der erste Brief ging 1980 nach Australien und zurück nach Brandenburg in der DDR. Jetzt trafen sie sich zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Und fühlten sich wie zwei alte Seelen, die zueinander finden. Die Chemie stimmt.

Binde l Dass die Chemie zwischen den beiden Frauen stimmt, ist auf den ersten Blick zu sehen: Wie sie einträchtig beisammensitzen in der Gartenidylle auf dem Binder Haselnusshof, lächeln und ihre Geschichte erzählen, wirkt harmonisch und authentisch. "Als wir uns auf dem Bahnhof in Wittenberge zum ersten Mal gegenüberstanden, war das Freude pur und ein Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen", erklärte Traudi Starck, die mit ihrer Familie seit 2004 in Binde zu Hause ist. Das bestätigt ihre langjährige Brieffreundin Debra McCarney aus Wales in England. "Wie verwandte Seelen, die sich wieder finden", betont sie.

"Es war ein Wunder, dass das Paket durch den Zoll in den Osten kam."

Traudi Starck

35 Jahre lang gingen die Briefe zwischen beiden Frauen hin und her, erst zwischen Freyenstein in Brandenburg und Weipa in Queensland in Australien, später zwischen wechselnden Heimatanschriften: Die heute 58-jährige Debra und die 54-jährige Traudi sind mehrfach umgezogen.

Angefangen hatte alles mit einem Weihnachtspaket von Tante Alma, das Traudis Schwiegereltern aus Flensburg bekamen. Darin befanden sich bunte Illustrierte. "Es war ein Wunder, dass die durch den Zoll vom Westen in den Osten kamen", erinnert sich Traudi Starck schmunzelnd. Aber wahrscheinlich sei der Ansturm der weihnachtlichen Post so stark gewesen, dass das Paket ohne Kontrolle die Grenze passierte.

Unter der Rubrik Brieffreundschaften habe sie schließlich Debras Adresse und den Wunsch gefunden, auf Deutsch in den Briefwechsel zu treten. "Ich habe sofort geschrieben und auf Antwort gehofft, obwohl ich das unwahrscheinlich fand", so die Binderin. "Zu DDR-Zeiten war Australien ferner als heute."

Aber das Wunder geschah und am Silvestertag 1980 traf der erste Brief von Debra McCarney ein. "Er war genau an meinem Geburtstag am 16. Dezember abgeschickt."

Seitdem schrieben sie sich regelmäßig über Alltägliches, die Familie, die Kinder, Interessen und die Arbeit. Aber auch politische oder gesellschaftliche Themen streiften sie. So die Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 oder die Wende 1989 mit der folgenden Grenzöffnung.

Eine Ausnahme im stets ausschließlich schriftlichen Kontakt bildete ein zu DDR-Zeiten hochriskantes Telefonat. Fernmeldemechaniker Jürgen Starck und ein Kollege wählten sich verbotenerweise ins Westberliner Telefonnetz ein und über mehrere Kanäle bis nach Australien durch. "Es war eine 17-stellige Vorwahl zu wählen - kaum noch vorstellbar", sinniert Traudi.

Eine weitere Ausnahme waren Mails, die sie im April mit Debra tauschte: "Da stand fest, dass sie an einem Kongress in Berlin teilnimmt und wir vereinbarten unser erstes Treffen", erzählt sie.

"Ich spreche auch Deutsch, das sich beim Schreiben verbesserte."

Debra McCarney

Es war der am 4. Mai zu Ende gegangene Polyglot-Gathering-Kongress mit Hunderten Teilnehmern verschiedenster Länder, die mehrere Sprachen sprechen. "Ich selbst spreche Englisch, Walisisch, Japanisch und ein bisschen Französisch und Spanisch", zählt Debra auf. Sie verstehe außerdem Portugiesisch und spreche die Weltsprache Esperanto. "Und natürlich Deutsch, das sich beim Schreiben und Lesen verbesserte."

Bei ihrem Besuch in Binde lernte sie die Altmark kennen und machte mit Starcks einen Ausflug zur Wirlspitze ans Grüne Band. Auch Salzwedel stattete sie eine Stippvisite ab. Gestern ging es auf die Heimreise. Aber nicht ohne ihre Brieffreundin Traudi nach Wales eingeladen zu haben. Ein Wiedersehen ist gewiss.

Bilder