Salzwedel l Tatjana Katrych ist die pünktlichste Schülerin. Bereits zehn Minuten vor dem Beginn des Deutschkurses für Ausländer betritt die 21-jährige Ukrainerin den Unterrichtsraum im Mehrgenerationenhaus und packt sogleich ihren Hefter aus.

Schnell wirft sie noch einen Blick auf die Hausaufgaben. Hier und da nimmt sie eine kleine Korrektur vor, bevor am Anfang der Stunde die Heimarbeit verglichen wird.

Als Zweiter trudelt Hassan Rahem ein. Auch der gebürtige Afghane vertieft sich sofort in sein Arbeitsblatt. Die kleine Lerngruppe komplettiert Jasmin Sadat, die ebenfalls aus dem Land am Hindukusch stammt. Aus der Hauptstadt Kabul hat es die 35-Jährige in die Hansestadt verschlagen.

Viermal pro Woche treffen sich die drei an der Sonnenstraße, um gemeinsam Deutsch zu lernen. Unterrichtet werden sie von Nadja Kell, die 1996 als Spätaussiedlerin aus Kasachstan in die Bundesrepublik kam.

Seit dem Jahr 2007 leitet Nadja Kell die Kurse. Die meisten Teilnehmer kommen aus der Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylsuchende. Dort macht das Mehrgenerationenhaus gezielt auf das Angebot aufmerksam. Aber auch in Zusammenarbeit mit dem Altmarkkreis und dessen Netzwerkpartnern werden Interessenten auf das Angebot hingewiesen.

Kleine Dinge verursachen große Probleme

Nadja Kell weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, in einem fremden Land Fuß zu fassen. Besonders die kleinen Dinge verursachen oft die größten Probleme. "Alleine einzukaufen, ist ohne Deutschkenntnisse zum Beispiel eine richtige Herausforderung. Oder in einem Lokal eine Bestellung aufzugeben", beschreibt Kell die täglichen Mühen ihrer Schützlinge.

Natürlich werden ihre Schüler mit noch gravierenderen Schwierigkeiten konfrontiert. Arztbesuche oder die Gänge zu Ämtern lassen Asylbewerber oft ratlos zurück. "Wir wollen, dass die Flüchtlinge diese Wege alleine absolvieren und trotzdem verstehen, was gerade um sie herum passiert", schildert Nadja Kell das wichtigste Anliegen des Unterrichts.

Freiwillig ist indes keiner der drei in Deutschland. Sie verbindet, dass sie in ihren von Kriegen erschütterten Heimatländern keine Hoffnung auf eine Zukunft mehr haben.

"In meiner Heimatstadt Herat habe ich Angst um mein Leben gehabt. Es ist sehr gefährlich dort", berichtet Hassan.Seit drei Jahren lebt er schon in Deutschland. Die meiste Zeit verbrachte er in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt. Im November des vergangenen Jahres wurde er nach Salzwedel delegiert. "Die Anfangszeit in Deutschland war sehr schwer. Ich konnte kein Wort Deutsch. Das hat sich mittlerweile verbessert", erzählt Hassan. In der Tat ist es ohne weiteres möglich, ein Gespräch mit ihm auf Deutsch zu führen.

Jasmin Sadat vermisst ihre Heimat

Mehr als die Sprache belaste ihn mittlerweile, dass er seiner Arbeit nicht nachgehen darf. In Afghanistan hat Hassan das Schneiderhandwerk gelernt. In Deutschland fehlt ihm die Arbeitserlaubnis.

Diese Hürde hat Jasmin Sadat bereits genommen. Einziges Hindernis, um wieder in ihrem Beruf als Hebamme zu arbeiten, ist der Nachweis von fortgeschritten Kenntnissen der deutschen Sprache. Derzeit bereitet sie sich intensiv auf ihre Prüfung vor.

Trotzdem hegt sie den Wunsch, irgendwann nach Afghanistan zurückzukehren. "Zur Zeit gibt es zu viele Probleme, ein normales Leben ist nicht möglich. Aber ich vermisse meine Heimat sehr. Für immer in Deutschland zu bleiben, kann ich mir nicht richtig vorstellen", gibt Jasmin Sadat einen Einblick in ihr Seelenleben.

Noch einmal in der Ukraine zu leben, ist für Tatjana Katrych derweil kein Thema. Sie profitiert davon, dass sie mit einem Deutschen verheiratet ist. Trotzdem möchte sie ihre Sprachkenntnisse weiter ausbauen, allein um ihre beruflichen Chancen zu verbessern. Irgendwann möchte sie als Übersetzerin arbeiten. Deshalb erscheint sie immer pünktlich zum Unterricht im Mehrgenerationenhaus.